Pakistanisches Tagebuch, Teil zwei

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Shah Muhammad, 72, baut das winterfeste Zelt mit Dach und Wänden aus gewebten Matten selbst auf.

Eine Reise in die Flutkatastrophe

Text und Fotos von Caritas-Mitarbeiter Øle Schmidt

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Sonntag, 24. Oktober 2010

Aufstieg und Fall von Superhelden

Sanft setzt der riesige Eisenvogel, der uns in seinem Bauch transportiert, auf der Landebahn des Flughafens Benazir Bhutto auf. Es ist drei Uhr morgens in Islamabad. »Willkommen in Pakistan, verehrte Spender«. So wie die Arbeit der internationalen Helfer in den vergangenen Wochen professioneller geworden ist, so ist es auch deren Begrüßung vor der Passkontrolle: Das Schild ist mittlerweile gedruckt, vor einem Monat noch war es handgeschrieben.

Ansonsten geht erstmal alles schief. Der Fahrer und ich finden nicht zueinander. Und als ob sie sich abgesprochen hätten, sind sämtliche Bankautomaten am Flughafen in den Streik getreten. Ich nehme ein Taxi. Weil der Fahrer den Weg zu meinem Guesthouse trotz gegenteiliger Beteuerung nicht kennt, irren wir gemeinsam durch die milde Nacht. Seine Glückwünsche für die Politik Adolf Hitlers lässt mich in eisiges Schweigen verfallen.

Um zu dokumentieren, welche Hilfe die Caritas wo leistet, habe ich diese lange Reise angetreten. Denn auch die Flut in Pakistan unterliegt der Konjunktur der Katastrophenberichterstattung. In den ersten Wochen noch hatten sich die Lobeshymnen auf vielerlei Kanälen überschlagen. NGO-Superhelden wurden zum Leben erweckt; sie schienen Übermenschliches bei ihrer Nothilfe zu leisten.

Nur kurze Zeit später drehte sich der Wind der Berichterstattung. Dieselben Medien stellten plötzlich Fragen, die schwer zu beantworten waren: Warum dauere es so lange, bis die Hilfe für die Menschen sichtbar werde. Und: warum überhaupt habe es so lange gedauert, bis die Helfer vor Ort waren? Der Aufstieg von Helden mit einer bemerkenswert kurzen Halbwertzeit und ihr jäher Fall – eine Parabel überzeichneter Bilder. So wie das Erdbeben und die Wiederaufbauhilfe in Haiti fast vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung getilgt sind, so ergeht es nun auch den Flutopfern in Pakistan.

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Dienstag, 26. Oktober 2010

Die Krieger der Würde

»Weil unser gepachtetes Feld noch immer unter Wasser steht, werde ich in die Stadt gehen. Ich nehme jeden Job an, um meiner Familie Geld zu senden. Der Hunger treibt mich an«.

Shah Muhammad ist ein stolzer Mann, der trotz seiner 72 Jahre Vitalität ausstrahlt, doch seine Augen sind voller Traurigkeit. Weil er verzweifelt ist, spricht er so offen ü̈ber seine Situation. Selbst zu einem Fremden, zu einem deutlich jüngeren Fremden. »Seit Wochen essen wir nur Reis, in drei Tagen ist er aufgebraucht. Wir brauchen eure Hilfe. Und du kannst mir glauben, dass ich das nicht gerne sage«. Dann salutiert er. Vor dem Interview habe ich Shah Muhammad beobachtet, als er in der brütenden Sonne aus Bambusstangen eine Dachkonstruktion gezimmert hat.

Auch wenn der Bauer keine Zuversicht ausstrahlt, das Projekt, das in seinem Dorf Noor Mohammad vor wenigen Tagen begonnen hat, stimmt hoffnungsfroh. Die Caritas hat sich in dem besonders armen Bundesstaat Sindh, wo immer noch viele Äcker unter Flutwasser stehen, ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis Ende Mai nächsten Jahres sollen 15.000 Notunterkünfte entstehen. Winterfeste Zelte mit einem Dach und Seitenwänden aus gewebten Matten.

Adeel Javaid, der Kopf hinter diesem Projekt, spricht in einfachen Worten: »Wenn die Menschen unter freiem Himmel schlafen müssen, können sie am nächsten Tag nicht gut arbeiten, und folglich kein Geld verdienen. Dass stürzt sie in Abhängigkeit«.

Die Caritas-Mitarbeiter hatten unter den Augen der Dorfbewohner zunächst einen Prototyp der Unterkünfte aufgebaut, und alle Abläufe erklärt. Für die Arbeit an ihren Übergangshäusern werden die Dorfbewohner bezahlt. Adeel Javaid erklärt, warum: »Wir wollen, dass das Geld in der Gemeinde bleibt, und die Menschen aus eigener Kraft überleben, bis sie ihre Felder wieder bestellen können, nachdem das Wasser endlich abgelaufen ist«.

Shah Muhammad ist auf seine kleine Baustelle zurückgekehrt. Er und seine Nachbarn hämmern, sägen und – sie lachen. Sie trotzen ihren schlechten Lebensbedingungen, die schon vor der Flut Menschen unwürdig waren. Es fehlt an Gesundheitsversorgung im Sindh, an Bildung und Ausbildung, seit der Katastrophe nun auch an Häusern und Nahrung. Anderthalb Wochen haben fünfzig Mitarbeiter im Feld alles vorbereitet, damit der Hausbau nun endlich starten kann. »Die Krieger sind bereit«, sagt Adeel Javaid und lacht. »Die Krieger, die den Menschen ihre Würde zurückbringen wollen«.

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Stau: ein kunstvoll verzierter Lastwagen mit Hilfsgütern.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Trial and Error

Nothilfe ist Improvisation. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn Helfer wegen einer Ausnahmesituation in eine erschütterte, ihnen zudem fremde Welt eingeflogen werden, kann das Mantra oftmals nur Trial and Error heißen, und nicht Planungssicherheit. Das ist für diejenigen schwer wirklich nachzuvollziehen, die kostbares Geld gespendet haben, weil sie nicht vor Ort helfen können. Denn Improvisation bei der Nothilfe kostet Geld und wertvolle Zeit, die es nach einem Erdbeben oder einer Flut nicht gibt. Trotzdem ist es so. Wenn im Krieg zuerst die Wahrheit stirbt, dann versagt bei einer Katastrophe zuerst die Versorgung und mit ihr die Planungssicherheit.

Zum Beispiel in Jacobabad, einer staubigen Stadt im Bundesstaat Sindh. Als wir uns morgens um acht im Büro treffen, sind die Listen geschrieben, die Handys und unsere Akkus aufgeladen. Die Verteilung der so genannten Non-Food-Items, Hygienesets, Plastikplanen, Moskitonetze, Schlafmatten, in den sechs Dörfern ist generalstabsmäßig geplant. Die pakistanischen Teams haben in einem Workshop gelernt, dass bei einer Verteilung Eingang und Ausgang immer getrennt sein sollten, damit kein Stau entsteht, in dem Panik ausbricht. Sie haben verinnerlicht, das die Verteilung an eine große Gruppe und der Abwurf aus dem Hubschrauber in zugänglichem Gebiet zwar medienwirksam sind, dennoch unseriös bleiben, weil die Starken ihre Ellenbogen ausspielen.

Deswegen sind die Gutscheine hier in Jacobabad nach einer Bedürfnisprüfung bereits verteilt. Und doch warten wir zu zehnt. Weil die Trucks mit den Hilfsgütern im Stau fest hängen. Hunderte von kunstvoll verzierten Lastwagen stehen auf einer Straße, die nicht betoniert ist, davon ganz abgesehen, viel zu klein ist. Wertvolle Zeit verrinnt. Jetzt sind auch wir im Stau gefangen.

Also machen wir aus unserer Not eine Tugend und – improvisieren. Wir ziehen die für später angesetzte Gesundheitserziehung einfach vor. Ein Caritas-Mitarbeiter zeigt den Dorfbewohnern, was alles in einem Hygiene-Set ist. Weil sie es nicht gelernt haben, erklärt er ihnen, wie wichtig es ist, regelmäßig die Hände zu waschen, nach dem Besuch der Toilette und vor der Nahrungszubereitung. Damit keine Krankheiten und Seuchen ausbrechen, wie derzeit in Haiti.

Hilfsorganisationen handeln fahrlässig, wenn sie nur auf schicke Imagebroschüren setzen, und ihren Spendern einen Einblick in Trial and Error verwehren. Und Spender urteilen kurzsichtig, wenn sie die reibungslose Umsetzung ihres Tagesplanes mit der von Helfern in Dafur, Port-au-Prince oder Islamabad vergleichen. Auch hier gilt wohl: Kommunikation hilft. Bei der Arbeitsteilung von Spendern und Helfern aus Deutschland. So wie auch bei der richtigen Planung von Straßen im staubigen Jacobabad, hier in Pakistan.

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Samstag, 30. Oktober 2010

Mittelalter und Moderne

Immer noch im staubigen Jacobabad, im Süden Pakistans. Die Zeit hier im Bundesstaat Sindh scheint stehen geblieben zu sein. Esel ziehen klapprige Holzkarren, Tee und Brot werden auf offenem Feuer zubereitet, die Menschen schauen mit kindlich großen Augen, wenn sie uns Weiße sehen. Sie schütteln unsere Hände, wollen wissen, woher wir kommen, was wir hier machen. Neben einem Kamel hupt sich ein hoffnungslos überladener Truck den Weg auf der nicht geteerten Straße frei. Teil dieser schrägen Symphonie sind klingelnde Handys. Mittelalter und Moderne in lärmender Koexistenz.

Die ungerechte Verteilung von Land hat bis heute Bestand im Sindh: in einigen Gemeinden besitzen bis zu 95 Prozent der Bauern kein eigenes Land. Ein System der Leibeigenschaft verlangt von den meisten, die Hälfte ihrer Ernte als Pacht an den Landlord, den Großgrundbesitzer, zu bezahlen. Was ihnen bleibt, ist zum Sterben zu viel, und zum Leben zu wenig. Für ein Leben in Würde fehlt es auch an Gesundheits-versorgung, an Bildung und Ausbildung, an Partizipation der Menschen.

Die Caritas-Mitarbeiter befürchten, dass es in Jacobabad noch zwei lange Monate dauern kann, bis das Wasser die letzten Felder freigegeben hat. Da es durch die zerstörten Kanäle und Bewässerungsanlagen nicht ablaufen kann, muss es versickern. Das kostet Zeit. Zeit, die die Bauern nicht haben, deren letzte Ernte schon der Flut zum Opfer gefallen ist. Für sie ist es eine Frage des Überlebens, jetzt Weizen und Linsen aussäen zu können.

Doch auch die anderen Bauern, deren Land wieder getrocknet ist, sind nicht frei von Sorgen. Die gewaltigen Flutwellen haben ihnen Häuser und Hausrat genommen, Samenvorräte und Werkzeuge. »Die Caritas hat deshalb ein Landwirtschaftsprojekt begonnen, um einer Hungersnot vorzubeugen«, sagt der zuständige Koordinator Fahat Khan und legt seine Stirn in Falten. Der 30-jährige Pakistani erläutert mir die Einzelheiten. »Nach einer Prüfung der Bedürftigkeit haben wir Gutscheine an die Ärmsten der Armen ausgegeben. Auf regionalen Märkten erhalten sie in den nächsten Tagen Samen, Dünger und Pflanzenschutzmittel. Zusätzlich bezahlen wir ihre Werkzeuge und die Traktormiete.« Fast einhunderttausend Menschen werden auf diesem Weg auch dank der Spenden aus Deutschland unterstützt. »Es geht darum«, sagt Fahat Khan, »dass sie sich bis zur nächsten Aussaat im aus eigener Kraft ernähren können«. Dann verabschiedet sich der leise Programmkoordinator, die Arbeit ruft. In einem Wagen mit Klimaanlage verlassen wir das staubige Jacobabad. In der Moderne aus dem Mittelalter heraus.

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Montag, 01.November 2010

Diplomatie versus Affront

Nothilfe ist Diplomatie. Zumindest auch. Hilfe zu leisten ist das eine, den richtigen Ton zu treffen, die Befindlichkeiten von Menschen zu achten, ist das andere. Ohne Respekt keine gute Arbeit im Feld. So einfach ist das. Diese Form von Mikropolitik nimmt eine Menge Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Opfer von Katastrophen wollen als Menschen gesehen, Partnerorganisationen wollen gelobt werden, der Fahrer will wertgeschätzt, der Wachmann vor dem Büro mit Zigaretten und höflicher Ansprache motiviert sein.

All das in einem fremden Land, inmitten einer Katastrophe, verhandelbar nur in Englisch, oft sogar nur mit Hilfe eines Übersetzers. Das erfordert Diplomatie, und macht sie gleichzeitig so schwer. In diesem Spannungsfeld bieten sich enorme Möglichkeiten, kulturelle Missverständnisse auszulösen.

Zum Beispiel in dem afghanischen Flüchtlingsdorf in Charsadda, im Nordwesten des Landes. Auf einer Dorfversammlung diskutiert der Programm-Koordinator Shahan mit den Bauern, die ihre Ernte und ihr Land verloren haben. Diplomatisch, versteht sich, höflich und ausgleichend. Die Bauern beklagen, dass es nicht ausreiche, wenn die Caritas und ihr Partner ICMC sechshundert von ihnen mit Samen, Dünger und Pflanzenschutzmitteln unterstützten, ein Vielfaches sei nötig.

In dieser lebhaften Debatte werde ich als Caritas-Vertreter aus Deutschland vorgestellt, der die verschiedenen Projekte verstehen und dokumentieren möchte. Doch bei den Bauern kommt etwas anderes an: der bleiche Typ mit der Kamera entscheidet, wer zusätzliche Hilfe erhält. Möglicherweise hält er in seinen großen Taschen sogar schon das passende Bargeld dafür bereit. Als ich einen der Bauern um ein Interview über seine Lebensbedingungen nach der Flut bitte, löse ich so eine wenig diplomatische Situation: auch seine Kollegen bestehen auf Interviews mit ihnen, da alle – verständlicherweise – auf den vermeintlichen Zuschlag hoffen. Mit freundlicher Ausdauer und Verhandlungsgeschick verhindern wir einen Affront mit den erhitzen Bauern.

Das Fingerspitzengefühl eines guten Diplomaten ist auch beim Bau der bis zu fünfhundert Übergangshäuser gefragt, nur einen Steinwurf von hier entfernt. Welche Familie braucht diese Unterkunft sofort, wem ist zuzumuten, noch einige Wochen zu warten? Wenn dieser Prozess nicht transparent sei, so Projekt-Koordinator Shahan, dann könne er nicht funktionieren, da Neid und Missgunst aufkämen. Unbedingt gälte es, den Gesichtsverlust aller Beteiligten zu verhindern.

Der einzige, der keinesfalls diplomatisch sein darf, ist Tanvid, unser Sicherheitsmann. Wegen der angespannten Sicherheitslage muss ich ihm jede Minute Interview abringen, jede weitere Einstellung mit meiner Kamera. Ungeschminkt gibt er das Kommando zum Aufbruch, wenn ihm eine Menschenansammlung nicht geheuer ist.

Nicht weniger direkt schüttelt Tanvid die Polizeieskorte ab, die uns begleitet, weil vor einer halben Stunden eine Bombe eine Polizeistation auseinander gerissen hat, etwa dreißig Kilometer entfernt. Denn gut gemeint bleibt meist immer noch schlecht gemacht, denkt sich nicht nur Tanvid. Erst mit der Eskorte werden wir zum High Profile Target, sind doch Polizei, Armee und Behörden Anschlagsziele und nicht wir Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Genau so formuliert Tanvid auch gegenüber den Polizisten unseren Wunsch nach freiem Geleit. Nachdrücklich, und wenig diplomatisch.

Veröffentlicht auf der Webseite von Caritas international