Eine Revolution kann man nicht tanzen

Unter vier Augen: Die Grünen-Dissidentin Jutta Ditfurth lässt ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl 2002 kein gutes Haar an ihren Lieblingsfeinden. Die frühere Bundesvorsitzende spricht über Opfer rot-grüner Politik und den Fundamentalisten Joseph Fischer. Als Musikliebhaberin glaubt sie jedoch nicht, dass die Revolution tanzbar sein muss.

Interview: Øle Schmidt

IIOII: Wie lange wird es die Grünen noch geben, deiner Meinung nach?

Jutta Ditfurth: Als linke Partei gibt es die Grünen schon mehr als zehn Jahre nicht mehr. Die Phase eines reformorientierten Projekts mit gewissen Wahlerfolgen, die ist spätestens jetzt vorbei. Es kann sein, dass sich die Grünen auch nach der Bundestagswahl 2002, nach ihrer zwanzigsten Wahlniederlage in Folge dann, noch eine Weile vor sich hinschleppen. Aber letztlich ist diese Partei nicht mehr wichtig, sind ist ersetzbar.

Was ist mit denen, die Angst vor Edmund Stoiber als Bundeskanzler haben, müssen die nicht Rot-Grün wählen?

Es gibt ja Menschen, die sich ihr ganzes Leben von dieser irrationalen Logik des so genannten kleineren Übels bestimmen lassen. Also, sie wählen nie das, und machen auch politisch nie das, was sie eigentlich möchten. Mir ist es scheißegal, ob Flüchtlinge bei ihrer Abschiebung sterben, weil Otto Schily es zu verantworten hat oder Edmund Stoiber. Das ist wirklich egal – selbst für die Opfer. Ich will es mal als Angriff formulieren: Wer sich – bezogen auf sein Wahlverhalten – tatsächlich von der Alternative Rot-Grün oder Stoiber beeindrucken lässt, der nimmt die Opfer nicht ernst, die Rot-Grün auf dem Gewissen hat. Weder die Kriegsopfer in Jugoslawien, noch die Menschen in diesem Land, die an den Rand gedrängt werden, weil sie nicht mithalten können in dieser Logik von Leistung und Konkurrenzdenken.

Lass‘ uns über Joseph Fischer sprechen. Selbst etablierte Medien zeichnen mittlerweile ein positives Bild von ihm: er sei eloquent, inzwischen sogar gut gekleidet, anpassungsfähig. Hat nicht gerade er bei den Grünen immer mächtig die Ellenbogen ausgefahren?

Ja, immer. Ich habe irgendwann in der Politik gelernt, dass es wichtig ist zu sehen, welchen Antrieb ein Mensch hat zu handeln. Einfach, damit ich weiß, auf wen ich mich verlassen kann, wenn’s mal wieder hart auf hart kommt. Ich habe Fischer Ende der siebziger Jahre in Frankfurt kennen gelernt. Zu der Zeit gab es zwei Häuptlinge in der Szene, ihn und Daniel Cohn-Bendit. Die beiden haben alle tyrannisiert, und wurden dafür noch mit Anerkennung aus der Szene belohnt. In Frankfurt gab es damals eine unglaublich autoritäre Struktur, schrecklich. Fischer ist jemand, der immer nur das liest und lernt, was er für seinen nächsten Karriereschritt braucht. Reines Funktionswissen also, das zieht sich bis heute durch. Was dabei herauskommen kann, ist gelegentlich schon fast komisch: Das Schimpfwort Fundamentalisten, das er für die Linken innerhalb der Grünen – übrigens mit Hilfe des Spiegels – ab 1982 erfolgreich verbreitet hat, hat einen Hintergrund. Vier Jahre vorher war Fischer ein glühender Anhänger der iranischen Revolution unter Ajatollah Chomeini. Er ist auch nie aus der katholischen Kirche ausgetreten, auch nicht während seiner Straßenkämpferjahre…

…das ist natürlich interessant…

…Fischer war tief beeindruckt und hat damals in einem Artikel für das Frankfurter Szenemagazin Pflasterstrand geschrieben, dass er das Heilige und die Religion wiederentdecke und fasziniert sei von dieser religiös inspirierten Massenerhebung, die er im Iran sah. Zur gleichen Zeit wurden Frauen verfolgt und die Verschleierung wieder eingeführt. Fischer war damals einfach begeistert von der Macht. Von der Macht, unabhängig von ihrem Inhalt, unabhängig davon, wer sie ausübt, und wem sie nützt. Das erklärt eigentlich schon alles an dieser Person.

Themawechsel: warum kann die Linke eigentlich nicht tanzen? Warum sitzen die lieber in Sitzungen oder malen Transparente, anstatt mal richtig feiern zu gehen?

Ich weiß ja nicht, was für eine traurige linke Bewegung du kennst? Warst du mal in der SPD oder so?

(lacht) Nicht, dass ich mich erinnern kann. Beantwortest du trotzdem meine Frage?

Einerseits gibt es eine sehr blinde und blöde Partyszene, die schon für Politik hält, dass sie auf der Strasse tanzt und nicht in geschlossenen Räumen. Mit solch einer Szene kann ich wenig anfangen…

…gute Laune ist also nicht automatisch konterrevolutionär?

(schmunzelt) Nein, aber ich halte auch nichts von dem Spruch, dass man eine Revolution tanzen können muss, so wie das die Anarchistin Emma Goldmann gesehen hat. Mit einem Aspekt hat sie natürlich recht, nämlich das Kultur und Politik zusammengehören. Aber wenn du versteinerte Verhältnisse umwerfen möchtest, die Menschen und Natur zerstören, dann ist das eine ernste und harte Angelegenheit. Da gibt es keine Garantie, dass es jeden Tag Spaß macht. So gesehen ist deine Frage nicht einfach zu beantworten.

Gehst du tanzen, gehst du in Clubs?

Wahnsinnig gerne. Das Problem ist nur, dass wir in Frankfurt jetzt zehn Jahre Techno-Terror hatten. Und ich hasse Techno! Wenn ich auf Lesetour unterwegs bin, finde ich in kleineren Städten bessere Musikangebote als in Großstädten. Also, ich liebe Hardrock und Blues, Funk und Soul…

…alte Schule, sechziger Jahre…

Nicht nur, ich mag auch bestimmten HipHop sehr gerne. Aber nicht diesen MTV-Kram, eher die rotzigen Sachen…

…welchen HipHop?

Oh Gott, ich kann mir keine Bandnamen merken. in Frankfurt gibt es zum Beispiel 14 verschiedene Rapper, die locker miteinander verbunden sind. Die machen scheiße gute Sachen. Genau, Binding Scrap nennen die sich, wenn alle dabei sind. Es gibt da ein paar interessante kleine Szenen, das ist aber nicht der HipHop, den man in der Glotze sieht. Ja, und der Techno-Terror ist auch langsam überwunden, es gibt jetzt eine Kneipe, die angenehm altmodischen Sound spielt, Soul und Funk.

Okay, auch Linksradikale mögen also Musik. Dann machen wir jetzt den Praxistest: Weißt du, was Drum ‘n‘ Bass ist oder House?

(Pause, schmunzelt, lacht dann) Ich gehöre zu den schrägen Leuten, die immer noch das Rolling-Stone-Magazine lesen. Also, ich hatte immer relativ viel mit Musik zu tun und fühle mich seit einigen Jahren wie in einer Wartehalle. Weil ich denke, dass es doch nicht sein kann, dass ich irgendwann ins Grab gehe, und die Musik, die ich mag, kommt einfach nicht wieder – oder auch nicht neu daher. Seit ein, zwei Jahren mischen sich verschiedene Musikstile miteinander, und zwar auf eine ziemlich verrückte Art und Weise. Einiges davon gefällt mir sehr…

…zum Beispiel?

Schon wieder Namen, nein, das weiß ich nicht. Ich habe letztens eine Form von Punk gehört. Weit weg von den Sex Pistols, also nicht stehen geblieben, mit Rapgesang kombiniert. Diese Mischung fand ich sagenhaft. Ich mag Musik, die sich verändert, entwickelt und trotzdem ihren Wurzeln treu bleibt, nicht nur im härteren Rock.

Was bedeutet Jutta Ditfurth Musik?

Wenn ich nicht Politik mache müsste, so ziemlich das Meiste.

Ich bin erstaunt, mit dir so leidenschaftlich über Musik zu reden.

Gut!

Zum Schluss eine indiskrete Frage. Was dreht sich momentan bei dir zuhause auf dem Plattenteller?

Während ich mein letztes Buch geschrieben habe, habe ich wenig Musik gehört. Am liebsten noch das Album The Score von den Fugees. Im Mainstream gibt es ein paar Stimmen, die ich gut finde, deren Musik ich aber nicht mag. Anastacia hat eine tolle Stimme, Alicia Keys auch. Ich hasse Sarah Connor.

Erschienen im Clubmagazin IIOII, Februar 2002


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