»Drogen machen Spass, Drogen sind gefährlich«

Unter sechs Augen: Ein Gespräch mit Günther Amendt und Martin Semmelrogge

Welch bittere Ironie der Geschichte. Der Publizist Günter Amendt stirbt Mitte März bei einem Autounfall in Hamburg. Der kluge Streiter für die Ent- tabuisierung von Sexualität und Drogen verliert sein Leben, weil ein be- rauschter Fahrer die Kontrolle über seinen Wagen verliert. Zu Amendts Erinnerung: ein Interview mit ihm und dem Schauspieler Martin Semmel- rogge aus dem Jahre 2002 über Fear and Loathing in Las Vegas. Zuvor hatten die beiden das Stück von Hunter S. Thompson mit dem Musiker Smudo einem begeisterten Publikum in Wuppertal vorgetragen. Einen Drogentext, der mittlerweile zum Kanon großer Literatur gezählt wird; irre und irrational zugleich, in dem es Halluzinationen nur so regnet und Paranoia hagelt.

Interview: Øle Schmidt

IIOII: Ein Drogenexperte, ein Schauspieler und ein Musiker sprechen einen Text als Hörbuch ein, der mit seinen phantastischen und albtraumhaften Drogenerfahrungen polarisiert. Wie kam es dazu, dass drei renommierte Köpfe aus drei Dekaden gemeinsam ein solch spezielles Projekt in Angriff genommen haben?

Günter Amendt: Das ist einfach zu erklären. Der Hörbuchverlag kein und aber hatte zuerst Martin auf ihrer Liste der Sprecherkandidaten, was ja auch nahe liegend war. Weil sie eine gemischte Zusammensetzung haben wollten, hat der Verleger dann mich angesprochen. Lustigerweise, als ich gerade als Drogenexperte auf dem Weg zu einem offiziellen Polizeikon- gress im schweizerischen Luzern war. Später kam Smudo dazu. Fear and  Loathin in Las Vegas von Hunter S. Thompson ist ein großer amerikani- scher Text, keine Thrashliteratur, wie einige Kritiker heute meinen. Es ist ein Stück in der Tradition bester Beat-Literatur.

Was sind eure persönlichen Motive, ein heißes Eisen wie diesen verrückten Drogenroman vorzutragen?

Martin Semmelrogge: Ich bin Schauspieler, ich kriege ein Angebot und ver- diene damit mein Geld.

Mehr steckt nicht dahinter? Es ist ja durchaus möglich, Projekte auch abzulehnen.

Martin Semmelrogge: Das ist mein Beruf. Ich spiele Mörder, ich spiele Bullen, Drogenuser, einfach alles. Fear and Loathing in Las Vegas ist ein toller Text, der auch toll zu spielen ist. Nebenbei hoch aktuell: Man kann Nixon gegen Bush austauschen, und Vietnam gegen Afghanistan – schon bist du im Jetzt. Auch die Suche nach dem Amerikanischen Traum ist aktuell, damals wie heute. Ob das Buch jetzt drogenverherrlichend ist oder nicht: Wenn jemand Drogen nehmen will, macht er das sowieso. Wenn man den Text genauer hört, zeigt er auch den Horror, die Paranoia, die man mit diesen Substanzen erleben kann. Wenn jemand Drogen nehmen will, soll er darüber wenigstens informiert sein. Aber nicht furztrocken, sonst hört eh niemand zu.

Verbindet ihr eine Botschaft mit eurer Interpretation des Textes?

Martin Semmelrogge: Um Himmels willen, nein. Ganz wertfrei ist das ein toller Text, mit seiner Aussage. Ich stecke da keine eigene Ideolgie rein, ich versuche nur, dem Text gerecht zu werden, und der soll vor allem unterhalten, wenn wir ihn vortragen. Natürlich sind Smudo, Günther und ich drei Typen, die gelebt haben, Angehörige einer Spezies also, die langsam ausstirbt.

Es gibt also keine Botschaft?

Günter Amendt: Die Botschaft ist, den Text gut zu lesen, ein Stück Realität der sechziger Jahre wiederzugeben. Auch ich verbinde keine Ideologie damit. Ich möchte eine gute Arbeit abliefern. Bei mir kommt natürlich noch eine besondere Ironie ins Spiel: ich arbeite als anerkannter Drogenexperte und lese diesen Text, in dem es um völlig übertrieben Drogenkonsum geht, mit Genuss vor Publikum. Was ich über Drogen zu sagen habe, kannst du in meinen Büchern nachlesen, was Hunter S. Thompson über Drogen zu sagen hat, bei ihm.

Was ist das Faszinierende an Drogen, warum haben sich zu allen Zeiten ganz unterschiedliche Menschen berauscht?

Günter Amendt: Ich will wirklich nur über das Buch reden. Die Protago- nisten nehmen Drogen in einer derart übertriebenen Weise, dass sie in der Realität sofort sterben würden. Kokain, Speed, Äther, es ist so überzeich- net, dass es nicht ernst zu nehmen ist, es ist keine Gebrauchsanweisung. Die Geschichte zeigt auch die ganze Paranoia, wenn man illegale Substanzen konsumiert. Es gibt diese einfache Formel: Drogen nehmen macht Spaß, und Drogen nehmen ist gefährlich. Dass muß jeder wissen, damit muss jeder umgehen. Teil dieser Gefahr ist es, dass nach meiner Beobachtung gerade Dauerkiffer leicht paranoid sind. Das ist der Preis, und das zeigt dieses Buch.

Wie nehmen die Medien euer Hörspiel und die Lesetour auf?

Günter Amendt: Wir haben sehr gute Kritiken bekommen. In der Süd- deutschen und in der taz ist die CD positiv besprochen worden.

Martin Semmelrogge: Drogen zu nehmen oder eben nicht, das ist eine persönliche Einstellung. Ich lebe seit drei Jahren sehr clean, trinke keinen Tropfen Alkohol mehr. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was Drogen anrichten können. Trotzdem ist das Buch ein Buch, und man sollte es nicht mit seiner persönlichen Einstellung zum Thema mißbrauchen. Die Lesetour ist für uns ein Spaß, und sie kommt gut an. Den Rest überlassen wir den Leuten, die es sich anhören. Ich rede auch nicht gerne über Filme, die ich mache. Trotzdem wissen wir alle, dass Alkohol und Drogen scheiße gefährlich sind.

Günter Amendt: Wobei Alkohol am gefährlichsten ist. Drogenkonsum war immer und wird immer sein. Offenbar haben Menschen das Bedürfnis, sich ab und an zu berauschen, mit Alkohol, mit Opium, mit…

…genau darauf zielten meine Anfangsfragen ab.

Martin Semmelrogge:  Oder aber sich am Leben zu berauschen. Das Leben selbst ist schon ein guter Turn. Dafür ist es natürlich nötig, bei sich zu sein, seine Mitte zu finden.

Günter Amendt: Jetzt redest du wie ein alter Hippie, naturstoned und so. Klar ist, dass jeder für sich die Verantwortung übernehmen muss, mit dem Thema Drogen umzugehen. Martin und ich sind in einer Zeit aufgewachsen, in der es den ganzen synthetischen Scheiß noch nicht gab. Viele Jugend- liche hatten damals eine chemiekritische Haltung. Und die gesellschaftliche Funktion von Techno war es – erfolgreich, wie ich meine – die Jungen an die erhöhte Geschwindigkeit des neuen Zeitalters zu gewöhnen, die gesellschaftliche Beschleunigung voranzutreiben und gleichzeitig die Akzeptanz für chemische und synthetische Produkte zu erhöhen. Deshalb ist auch Exctasy nie so bekämpft worden wie Marihuana, weil das verlangsamt…

..und unter Umständen eine Kritik am Bestehenden mit sich bringen kann?

Günter Amendt: Ja, genau. Junge Menschen haben heute eine andere Risi- koabwägung. Sie gehen deutlich mehr Risiken ein, viele tun es sehenden Auges. Wir wissen noch nicht, welche hirnorganischen Schädigungen Exctasy hervoruft. Vielleicht werden wir es in dreißig Jahren erfahren, denn Forscher sagen vorraus, dass dies erst im Alter abzusehen ist. Bei Menschen, die sehr regelmäßig Exctasy konsumieren, beobachte ich regelrechte Persönlichkeitsveränderungen. Die sehen die Welt in rosarot, und für die bist du mit jedem kritischen Gedanken der Partykiller. Das nehme ich mit Bedauern zur Kenntnis.

Warum gibt es unter der rot-grünen Bundesregierung keine Legalisierung von Cannabis?

Günter Amendt: Die sozialdemokratische Drogenbeauftragte begründet dies damit, dass die Politik das Signal senden würde, der Konsum von Cannabis sei gut. Dahinter steht eine unglaubliche Anmaßung der politischen Klasse, die glaubt, dass sich kritische junge Menschen in diesen Fragen des Lebensstils daran orientieren, was Politiker erlauben. Das ist natürlich eine absolute Selbstüberschätzung. Ich versuche, mich jeder moralischen Wertung zu enthalten, vielleicht kann ich anregen oder helfen. Auf jeden Falll ist es wichtig, das die Erfahrungen mit Drogen aufgeschrieben werden und von Generation zu Generation weitergegen werden.

So wie es Timothy Leary und Robert Anton Wilson in ihren Büchern gemacht haben?

Günter Amendt: Timothy Leary, so problematisch der Mann auch ist, war in meiner Jugend so ein Ratgeber. Er hat über Set und Setting gesprochen, über die Umstände, die wichtig sind, wenn man LSD verantwortungsvoll nehmen möchte. Leary hat immer betont, dass LSD-Konsum Arbeit ist. Er meinte, dass Konsumenten ihre Erfahrungen mit dieser Substanz unbedingt verarbeiten müssen, und dafür Zeit brauchen. Doch diejenigen, die jedes Wochenende einen LSD-Trip einschmeissen, decken ihre gemachte Erfahrung mit einer neuen Erfahrung zu. Das ist nicht gut und kann nach hinten losgehen. Es ist wichtig, diese Erfahrungen und Gedanken aufzuschreiben und weiterzugeben. Obwohl auch das nicht ohne Risiko ist.

Zurück in die Gegenwart: Wird eine Legalisierung von Marihuana und Haschisch, wie selbst von Polizeipäsidenten gefordert, kommen?

Günter Amendt: Meine Prognose ist, dass die Grünen nach dieser Serie verlorenener Wahlen aus Verzweiflung mit der Forderung nach Legalisierung in den nächsten Bundestagswahlkampf ziehen. Sie werden wieder versprechen, Cannabis zu entkriminalisieren – und sie werden es wieder nicht einhalten. Die staatliche Repression gegen Drogenkonsumen- ten wird vielmehr größer werden, auch wegen der neuen Sicherheitsgesetze nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Deshalb ist es gut, wenn Menschen wissen, wie sie mit dem Thema Drogen umgehen können. Ihnen dabei zu helfen, ist meine Aufgabe. Das tue ich als Autor, heute Abend habe ich es als Schauspieler getan. Denn das Stück Fear and Loathing in Las Vegas trieft vor Erfahrung und ist gleichzeitig so überzeichnet, dass es nicht zur Nachahmung auffordert.

Veröffentlicht im Clubmagazin IIOII, Januar 2002

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