Der DJ-Hype ist zu Ende!

Gedanken eines ehemaligen Rockisten über die laaaaaaaangweilige Körperlosigkeit von DJ-Sets.

Von Øle Schmidt

Nein, es ist eben keine Geschmacksfrage, wenn Robbie Williams vor verzückten Massen Let Me Entertain You zelebriert; vielmehr Ausdruck eines kollektiven Bedürfnisses nach Unterhaltung, nach Verzauberung. Natürlich lässt sich über Pop-Musik im Allgemeinen und Robbie Williams im Speziellen vorzüglich streiten. Unbestritten aber ist, dass es eben nicht nur um Musik geht, sondern gerade auch um ihre körperliche Präsentation, die Energie einer popkulturellen Inszenierung. Der für drei, vier Stunden autistisch operierende DJ, als moderner Prototyp des kühlen und narzistischen Selbstdarstellers (In meinem Film bin ich der Star, ich komm’ auch gut alleine klar! IDEAL) kann eben eine Show von fünf Musikern definitiv nicht ersetzten – wie auch. Die Höhen und Tiefen beim Zusammenspiel; ein verschmitztes Lächeln zwischen Bassmann und Trommler; ein verschwitztes »Danke« nach einer gelungenen Kommunikation zwischen denen auf und denen vor der Bühne – ein Privileg von Bands. Die wachsende Sehnsucht nach Live-Musik zeigt, dass dies nun mal ein Grundbedürfnis ist.

Clubbesitzer können davon ein ganz spezielles Lied singen. Während sich einige DJs in intellektuell verschrobenen NuJazz-Frickel-Tracks verzetteln (Heute Abend: Bestuhltes DJ-Set), gehen die anderen mit dem gemeinen Volk auf Schaumpartys baden. Und während der Dancefloor dann bestenfalls kocht, wird jede kulturelle Mission raus gewaschen, die immer zur Begründung herhalten muss bei der Debatte Warum DJs auch im Jahr 2004 immer noch so wichtig sind. DJs sind oft eitel und egoistisch, selten bereit, auf die Bedürfnisse der Party-Crowd einzugehen. Das nervt. Das nervt genau so, wie zwanzig Jahre Terror von Matte schüttelnden, onanierenden Gitarristen, die Smoke On The Water in selbst verwalteten Jugendzentren geben. Keine Frage, die DJ-Revolution mit den Waffen Bits und Bytes, portablem Equipment und einer neuen Form von Partybezogenheit damals war nötig und folgerichtig. Sie war hörbarer Ausdruck der nun mal alle zehn, fünfzehn Jahre stattfinden Revolte. Mission: alles bestehende in der Musik umzustoßen, zu verneinen. Denn wie bei Politikern auch, tritt kein Musiker freiwillig zurück, gerade dann nicht, wenn seine Zeit längst abgelaufen ist.

Das historische Verdienst der Club-Sounds: das beschleunigte Ende des Dicke-Eier-Rocks. Doch inzwischen sind genau diese zehn, fünfzehn Jahre durch die Wohnzimmer- und Clublautsprecher gezogen, und was gibt es zu beobachten? Den normalen Wandel von rebellischer Subkultur zur kaufkräftigen Mehrheitsangelegenheit. So wie bei Progressive Rock (Pink Floyd, Genesis), später bei Punk (Sex Pistols) und dessen Aufguss Alternative Music (Nirvana, Pearl Jam) geschehen. Sven Väths Freundschafts-Gage liegt mittlerweile bei 25.000 Euro, Carl Cox macht es nicht unter einer komplett angemieteten Etage im Luxushotel. Die Love Parade ist zur muffig-spießigen Bier Parade mutiert, auf der wir Gefahr laufen, unsere Eltern zu treffen. Die Logos von Spirituosen-Anbietern dominieren inzwischen jeden Massen-Rave und auch kleine Veranstalter setzten in Zeiten der Krise kopf- und geldlos lieber auf Schaumpartys – nicht auf Musik.

Die ehemaligen Gralshüter der musikalischen Innovation sind alt, träge und feist geworden. So wie die, die sie damals vom Thron gestoßen haben. Genug davon! Zeit für ein paar frische Live-Bands mit echter Rock ’n’ Roll Street-Attitüde, die den selbstzufriedenen DJs in den Allerwertesten treten. Zeit für eine neue musikalische Revolution! Zeit für Schweiss und Unberechenbarkeit. Was passieren wird? Das werden wir dann schon hören – und hoffentlich auch sehen.

Veröffentlicht im Clubmagazin IIOII, 2004