Eine musikalische Hohepriesterin der Dunkelheit

Anne Clark gibt ein bemerkenswertes Konzert im Wuppertaler Rex-Theater

Nach einem weiteren, freundlichen Applaus ist plötzlich alles anders. Anne Clark erhebt sich von ihrem Stuhl, erhöht Lautstärke und Intensität ihres sprechenden Gesanges. Murat Parlak malträtiert jetzt sein elektrisches Piano, spielt nicht mehr den Flügel. Jann Michael Engel wechselt vom akustisch verstärkten Cello zum Elektrifizierten, mit dreckigem, verzerrten Ton. Der Percussionist Niko Lai sitzt nun hinter dem Schlagzeug, gibt einen geraden, hypnotischen Beat vor. Und Gitarrist Jeff Aug schlägt die Akkorde in einem solch mörderischen Tempo an, dass jeden Metaller blass werden lässt.

Katharsis. Entladung. Der Saal bebt, nicht mehr viele hält es auf ihren Sitzen. Die bleichschwere Melancholie der vergangenen Dreiviertelstunde hat sich mit dem überraschenden Tempo- und Ausdruckswechsel in angriffslustigen Lebensmut verwandelt, in Kampfeswillen. Was war passiert? Ausgerechnet an einem lauen, sonnigen Frühlingsabend hatten zuvor mehr als dreihundert Menschen den Weg ins Rex Theater gefunden, um die New Wave-Ikone Anne Clark zu hören, eine literarische Hohepriesterin der Dunkelheit, Heldin ihrer Jugend. Inzwischen ohne Synthesizer und sterile Beats früherer Tage unterwegs, dafür mit leibhaftiger Band.

Anfangs ist unklar, ob Publikum und verletzlicher Ex-Star eine erneute Liaison eingehen werden. Anne Clark und ihre Bandkollegen spielen schöne Songs; Folk, Ethno und Mittelalterliches schweben durch den bestuhlten Saal, auf hohem Niveau, aber nicht wirklich inspirierend. Dann kommt »Sleeper In Metropolis« – und alles ist anders. Ein gutes Konzert wird zu einem magischen Moment, eine Sternstunde der neueren Wuppertaler Konzertgeschichte beginnt. Anne Clark erzählt Geschichten von Verletzlichkeit und Zweifel, vom Scheitern, sie erzählt von sich. Noch immer sucht die Britin ihre Sinnfrage in der verregneten Welt des Schattens zu lösen – nun aber mit großer Dynamik und Wut. Die Angst ist gewichen, Zuversicht und Hoffnung scheinen möglich.

Ihre Begleiter sind inzwischen mehr als Virtuosen, kollektiv verdeutlichten sie jetzt eindrucksvoll den Unterschied zwischen Musikern und Künstlern, die Musik als Ausdrucksmittel gewählt haben. Sie beschenken das Publikum mit Eigenständigkeit, Unberechenbarkeit, Mut zum Risiko. Und Anne Clark? Die Frau, wegen der alle gekommen waren, sie präsentiert sich als stiller Anti-Star. Bescheiden, introvertiert, traurig, manchmal sogar unbeteiligt. Ihr Vortrag, ihre Stimme sind noch immer charismatisch und gefangen nehmend. Als Anne Clark nach der fünften Zugabe dann die Bühne verlässt, geschieht noch etwas Bemerkenswertes: für einen kurzen Moment huscht ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht.

Veröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung

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