»Es geht um eine Eroberung der Strasse«

Über die mediale Wahrnehmung einer bemerkenswerten Guerillakunst- aktion in Wuppertal – chronologisch, polemisch.

Von Øle Schmidt

Nein, das hatte die Republik noch nicht gesehen: in einer konzertierten Aktion machten Streetart-Künstler aus der ganzen Welt eine Stadt zu einem Gesamtkunstwerk. Monatelang tagsüber generalstabsmäßig geplant, bei Mondschein dann illegal umgesetzt. Perfekt ist die Verwirrung, als die monetäre Allianz der Zeichenaktivisten mit einem Brausehersteller öffentlich wird. Wie bitte? Geschenkte Kunst, finanziert von einem kommerziellen Geldgeber? Eine polemische Chronik kommunizierter Botschaften im öffentlichen Raum – und die Reaktion der verdutzten Museumsbewohner wider Willen. In Wuppertal.

Über Nacht war alles anders, die Bewohner des von den Streetart-Aktivisten ausgesuchten Wuppertal am nächsten Morgen tief gespalten. Gespalten in wohlwollende Beobachter der illegalen Kunst-Aktion („So habe ich die Stadt ja noch nie gesehen“) und natürliche Feinde („Nie im Leben hatten die eine Genehmigung!“). Recht haben beide Fraktionen, ohne dabei wohl die Tragweite dieser bundesweit beachteten Kunstaktion der ganz schön anderen Art zu erkennen. Bizarre Wandgemälde an Betonpfeilern, merkwürdige Skulpturen in Parks, poppige Installationen in Wohngebieten und überlebensgroße Fotos als Teil einer Ausstellung entlang der Schwebebahn. Das alles in ihrer Stadt? Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: junge Künstler, zweiund-zwanzig an der Zahl, waren eigens aus Brasilien und Frankreich angereist, aus Japan, den USA und Italien. Allesamt hochklassige Repräsentanten einer künstlerischen Richtung, die seit Mitte der 70er Jahre urbanes Territorium in Ausstellungsflächen verwandelt. Die sich zum öffentlichen Raum in Beziehung setzt, ironisch und anstößig, figürlich und politisch. Einer Subkultur, die sich zu einer ernstzunehmenden Bewegung entwickelt hat, und längst in Galerien und Werbeagenturen angekommen ist.

»Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm« (Sesamstraße)

19.08. „Makaberes in Schwarz-Weiß“ titelt die Westdeutsche Zeitung. „Auf dem gepinselten Szenario sind würgende Kinder, ein aufgeschlitzter Bauch sowie aus Höhlen hängende Augen abgebildet. Ob und wann die Schmierereien entfernt werden, ist offen.“ Er hat begonnen, der Kampf um die Definitionshoheit. Zu Fragen, deren Beantwortung die künftige Entwicklung unserer Städte maßgeblich prägen wird. Wer darf sich zu Wort melden? Wozu, und in welcher Form? Was ist, was darf Kunst? Skeptischer formuliert: Wer erhält eine Aufenthaltsgenehmigung für den vormals öffentlichen Raum, neben privaten und öffentlichen Sicherheitsdiensten?

»Alle Kunstwerke und Kunst insgesamt sind Rätsel. Das hat von Alters- her die Theorie der Kunst irritiert« (Theodor W. Adorno)

24.08. Einige Tage später kann auch die örtliche Tageszeitung den Fragen nicht mehr ausweichen, die sie in den nächsten Wochen immer wieder neu beantworten wird. „Kunst oder Schmiererei, ästhetisch oder geschmacklos?“, heißt es dort. Das Wort „Guerillakunst“ findet Einzug in den Sprachgebrauch einer Zeitung, die kein Feuilleton vorzuweisen hat. Doch Die WZ ist nicht alleine mit ihrer Verwirrung. „Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll“, offenbart Monika Bistram, Kulturreferentin der Stadt, freimütig Fortbildungsbedarf in popkulturellen Fragen.

30.08. Weltoffen gibt sich ausgerechnet das örtliche Anzeigenblatt, dessen Redaktion damit beschäftigt ist, nicht verkaufte Seiten zu füllen. Die Wuppertaler Rundschau wagt eine Definition von Street Art. „Kunst, die zur Diskussion und zur Kritik auffordert, die etablierte Szene in Frage stellt und wachrüttelt, aber eigentlich keinem weh tut.“ Nein, auch hier offenbart sich ein seltsam antiquiertes Kunstverständnis, kann doch Kritik und Wachrütteln niemals zärtlich sein.

02.09. Nun melden sich auch die Bewohner der von den Kunst-Guerilleros auserkorenen Stadt zu Wort. „Diese Bilder sind stillos, hässlich, überladen. Es gehört schon eine Portion Unverfrorenheit dazu, sie unter der Rubrik Kunst einzuordnen“, bellt etwa Gerhard Schindling. Karl Fischer fragt sich, „wer bezahlt das, wenn Privateigentum beschmiert wird?“ Die einzig passende Antwort gibt ihm Michael Kleinherz, der seinem Namen alles andere als Ehre macht und ein großes Herz für Streetart zeigt. „Wenn die Armbanduhren unsere Hände in Ketten legen, alles reibungslos verläuft und nur mit Genehmigung gefällt, dann stimmt was nicht.“

»Es geht um eine Eroberung der Straße und um Provokation«

12.09. Die Stimmung in der Stadt kippt. Bei einer Befragung der WZ bewerteten mehr als 80 Prozent ihrer Leser die Aktion positiv. Arlette Ndakoze fasst das Ergebnis mit treffenden Worten zusammen. „Die Bilder sind deshalb Kunst, weil sie zum Nachdenken anregen. Aktuelle Diskussionen darüber sind die Früchte der Guerilla-Aktion.“

20.09. Spät findet auch der etablierte Kunstbetrieb seine Sprache wieder. Antje Birthälmer, stellvertretende Direktorin des Von der Heydt-Museums, meldet sich in der Debatte zu Wort, die mittlerweile leidenschaftlich in der ganzen Stadt geführt wird. „Sie wollen auf die Bruchstellen hinweisen, und haben es erreicht, dass die Bürger darüber nachdenken. Das ist – lässt man rechtliche Aspekte außer Acht – durchaus positiv. Es geht um eine Eroberung der Straße und um Provokation.“ Um hinterher zu schieben: „Problematisch ist die juristische Frage.“ Der promovierten Kunsthistorikerin ist wohl kurzzeitig entfallen, dass „Kunst“ von „Können“ stammt, etymologisch, und nicht etwa von „dürfen“.

»Raum von der Stadt für die Leute zurückgewinnen, die in ihr leben«

12.10. Bei der WZ geht eine Bekennermail des französischen Künstlers JR ein, der mit überlebensgroßen Fotoporträts der Stadt ihre Gesichter vor Augen geführt hat. Warum diese Aktion? „Eine Idee dahinter ist es, etwas Raum von der Stadt für die Leute zurück zu gewinnen, die in ihr leben […] Wuppertal ist ein perfekter Fleck für dieses Projekt und die Schwebebahn die richtige Stelle für meine Ausstellung.“

18.10. Ein Spaziergänger entdeckt in einem Eisenbahntunnel einer stillgelegten Strecke weitere Werke. Das brasilianische Dou Os Gemeos hat dort Ihre Erinnerung der Deportation von Juden mit der Bahn in Vernichtungslager hinterlassen. Figuren, ängstlich und entsetzt, den Tod vor Augen. „Alles war graue Asche“ und „Dusche“ steht dort geschrieben, in Portugiesisch.

01.11. Jetzt ist es raus: Die Marke Red Bull hat die Guerilla-Kunstaktion finanziert. Ein perfekter Marketingcoup. Warum? Der Berliner R.K.D.U, Kurator der Aktion, dazu: »Sie wollen damit zeigen, dass sie jung und undergroundig sind und polarisieren.« Und weiter:»Es war abgesprochen, dass die Firma erstmal nicht in Erscheinung tritt, damit es nicht heißt, dass sei nur ein Marketing-Gag.

Wie bitte? Geschenkte Kunst kommerziell finanziert?

Bliebe noch das Spannungsfeld zwischen idealistisch geschenkter Kunst und den kommerziellen Interessen eines multinational operierenden Getränkeherstellers zu kommentieren. Überraschend klug löst die WZ das Dilemma. „Einerseits desillusionierend: Selbst ein Projekt, das den Anspruch hat, gegen den Strom zu schwimmen, kommt in dieser Größenordnung nicht ohne Finanzierung aus. Auf der anderen Seite scheinen die Künstler bewusst mit dem Konflikt zwischen Kunst und Kommerz umzugehen. […] Damit liefern sie einen Beitrag zu der Diskussion in Wuppertal darüber, was Kunst darf und wie Menschen von ihr beeinflusst werden.“

www.outsides.de – www.stillonandnonthewiser.de

Veröffentlicht im Magazin Nuevas

Comments are closed.