Seine Tageseinnahme nutzt er als Rhythmusinstrument

Fußball in Mexiko-Stadt: Atlante gegen Guadalajara 1:1, im Estadio Azteca, vor 52.000 Zuschauern

Von Øle Schmidt

Zuerst höre ich die Musik, dann einen krächzigen Gesang. Bedächtig arbeitet der alte Mann sich durch die vollbesetzte Metro in Mexiko-Stadt. In seiner Linken hält er einen Stock; eine große, dunkle Sonnenbrille bewahrt ihm einen Rest von Intimsphäre. Er ist Mitte sechzig, vielleicht schon Anfang siebzig. Der Kassettenrekorder, aus dem der musikalische Teppich für sein gewöhnungsbedürftiges Halb-Playback plärrt, hängt ihm um den Hals. Darüber baumeln amtliche Bestätigungen: er ist blind. Mit der rechten Hand umklammert er einen verranzten Plastikbecher, seine spärliche Tageseinahme darin nutzt er als Rhythmusinstrument. Noch drei Stationen. Während in einer der Hauptstädte der Erde, mit geschätzten fünfundzwanzig Millionen Einwohnern, der Überlebenskampf seinen täglichen Lauf nimmt, sind wir auf dem Weg ins Aztekenstadion. Verlassen gleich die Metro, deren Waggons Arbeitsplatz tausender mexikanischer Ich-AGs sind; hier allerdings sind die sozialen Sicherheitsnetze lange schon gekappt.

Zwischen Merchandisingartikeln und mobilen Imbissbuden drängeln sich Tausende in langen Schlangen vor dem Stadion. Sie wollen das Spiel zwischen der Heimmannschaft Atlante und den Chivas aus Guadalajara sehen, dem populärsten Team der ersten mexikanischen Liga. So viel Zeit haben wir nicht, und erstehen für horrendes Geld zwei Karten auf dem Schwarzmarkt. Mein Versuch, mit Kamera ins Stadion zu gelangen, wird mit mexikanischer Höflichkeit abgelehnt, mein Presseausweis milde belächelt („Davon habe ich Zuhause drei in der Schublade liegen“). Dann geht es plötzlich doch. Als wir eine Viertelstunde nach Anpfiff endlich die graue Betonschüssel betreten, jagt eine Gänsehaut über meinen Körper. Ein Stadionmitarbeiter eskortiert uns, wischt zwei geschichtsträchtige Eisensitze sauber. Die Arena füllt sich erst nach und nach, in Mexiko ist Zeit relativ; auch beim Fußball.

Wir haben nichts verpasst, die Partie ist zerfahren und arm an Höhepunkten. Zwar auf dem Papier ein Spitzenspiel, agieren beide Teams nervös, Fehlpässe vereiteln präventiv jede Torchance. Vor allem die Stürmer verzetteln sich in irrationalen Einzelaktionen. Mannschaftssport? Höhepunkt ist der Kollaps des unglücklich entscheidenden Schiedsrichters, der nach einem Zusammenprall mit einem Spieler minutenlang am Boden liegen bleibt. Argwöhnisch beobachtet von den schwer bewaffneten Polizisten an der Seitenlinie. In den Kabinen müssen deutliche Worte gefallen sein; der zweite Durchgang ist wesentlich besser. In der achtundfünfzigsten Minute fällt das 1:0 für Atlante, erste Bengalische Feuer brennen in der gut besetzten Fankurve. Zehn Minuten später dann der Ausgleich, nach einem platzierten Kopfball. Es ist bizarr, denn nun steht das Stadion kopf; die extrem populären Chivas kommen auf fremdem Platz in den Luxus einer Heimkulisse. Nun dominieren sie das Spiel, trotz einiger feiner Kombinationen im gegnerischen Strafraum bleibt es aber beim Unentschieden.

Draußen im Gewühl werde ich nach meinem mexikanischen Lieblingsteam gefragt. Weil ich ihres nicht kenne, entscheide mich für die moderate Antwortvariante und murmel’ etwas von „Borussia Mönchengladbach“, was die Jungs nicht wirklich zufrieden stellt. Nein, von diesem Verein hätten sie noch nie gehört. „Buaiern Munchen?“ Nachdem ich meinen Protest zu Protokoll gebe, mustern wir uns gegenseitig leicht irritiert. Kurz bevor wir wieder in den großen Menschenstrom verschwinden, zeigen sich die beiden Chiva-Anhänger dann infiziert von dem Mann, auf dem die Hoffnungen von ganz Fußballdeutschland ruhen. „Jurgen Klinnsman“ grölen sie mit leuchtenden Augen – und klopfen mir eindeutig zu fest auf die Schulter.

Veröffentlicht im Fußballmagazin 11 freunde

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