»Dann kommt die machtvolle Hand des Staates«

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Lorena Sanchez kämpft gegen Umweltver-schmutzung und Menschenrechtsverletzungen: als Frau in einem männlichen System.

Papst Franziskus hätte seine helle Freude an der Arbeit des Menschenrechtszentrums CODEHUTAB im Süden Mexikos. Die Anwälte kümmern sich um die Vergessenen an der Peripherie, an die auch er das Wort richtet. Dabei haben sie es mit schier übermächtigen Gegnern zu tun, dem Erdölriesen Pemex und dem Staat, die bei ökologischen Verbrechen zusammenarbeiten. Øle Schmidt hat in Tabasco die Leiterin des Zentrums, Lorena Sanchez, getroffen.

In der Gemeinde Aguilares lädt ein Subunternehmen von Pemex seit sieben Jahren hochgiftigen Müll ab. Die Menschen werden krank, ein Richter bestätigt die Kontamination und fällt dennoch bis heute kein Urteil. Ist das so, weil der Staatsbetrieb Pemex Richter und Politiker kauft?

Pemex und die Landesregierung in Tabasco – das ist eins. Wir sprechen hier von zwei Freunden mit den gleichen Interessen, die sich gegenseitig unterstützen. Korruption und Straflosigkeit gehören zu den ganz großen Problemen Mexikos. Und genau deshalb rennen wir wieder und wieder gegen Wände. Denn die staatlichen Autoritäten, die bei Menschenrechtsverletzungen wie in Aguilares einschreiten müssten, tun dies nicht, weil sie nicht gegen die Interessen des Staates handeln, auf dessen Gehaltsliste sie stehen.

Und was ist Ihrer Meinung nach im Interesse des Staates?

Ganz einfach: eine gute Zusammenarbeit mit großen Konzernen wie Pemex. Richter und Polizisten wissen genau, dass allein der Erdölproduzent ein Drittel des mexikanischen Haushalts finanziert. Und wenn es uns einmal gelingt, dass Pemex verurteilt wird, etwa für die Verantwortung einer Explosion, bei der Menschen gestorben sind, dann muss das Unternehmen eine Geldstrafe zahlen. Und dieses Geld landet dann bei den staatlichen Autoritäten. Die Betroffenen gehen meist leer aus.

Schwer zu verstehen für Menschen, die in einem Rechtsstaat leben.

Nun, die Korruption in Mexiko ist wie ein Monster, das bislang niemand wirklich attackieren kann. Denn auch die juristischen Autoritäten in Mexiko-Stadt sind von der Regierung abhängig, und wenden sich folglich nicht gegen sie. Es ist zynisch, aber die Gesundheit und die Unversehrtheit von Menschen ist hier nichts wert ist, im Schatten von Geld und Einfluss der großen Konzerne.

»Die Behörden in Tabasco wollen uns müde machen und zermürben, damit wir aufgeben.«

– Lorena Sanchez

Sie fordern die Zwillinge Mexiko und Pemex mit neun Angestellten heraus, das nenne ich mutig. Wie gefährlich ist es, sich mit einem autoritären Staat und einem der zehn weltweit größten Erdölproduzenten anzulegen?

Wir sind uns bewusst, dass unsere Arbeit nicht ungefährlich ist. Wenn wir die Verletzung von Menschenrechten anzeigen, ob nun Kontamination, Folter oder Zwangsumsiedlungen, dann kommt immer die machtvolle Hand des Staates ins Spiel. Die Behörden in Tabasco werten unsere Arbeit ab, behindern und belügen uns, doch sie bedrohen uns nicht als Personen. Die Verantwortlichen setzen auf Erschöpfung, wollen uns müde machen und zermürben, damit wir aufgeben.

Welche Strategie verfolgt Pemex in diesem Zusammenhang?

Es ist interessant, wie Pemex und andere Unternehmen vorgehen. Meist bestreiten sie gar nicht erst, dass sie die Umwelt vergiften. Wenn wir sie dann anzeigen, kaufen sie entweder den Richter oder ihre Firmenanwälte zeigen uns und die Betroffenen wegen Verleumdung an. Die Botschaft dahinter ist: Wir haben Geld und Macht, also seid vorsichtig und mischt euch nicht in unsere Angelegenheiten ein!

Das Menschenrechtszentrum ist vor 23 Jahren von Jesuiten mitbegründet worden. Was ist wesentlich bei der Zusammenarbeit von CODEHUTAB und MISEREOR?

Es geht uns darum, eine Kultur des Respekts vor Menschen und ihren Rechten zu entwickeln. Wir versuchen dies auf mehreren Ebenen. Den Betroffenen von staatlicher Gewalt bieten wir vor Gericht juristische Hilfe an. Die Öffentlichkeit informieren wir über die Medien, welche Menschenrechtsverletzungen es in Tabasco gibt. Auf unserer Internetseite dokumentieren wir alle Fälle, an denen wir aktuell arbeiten. Dort gibt es auch Materialien, die wir vor allem Gemeinden auf dem Land anbieten. Darüber, welche Rechte Menschen haben; juristisch, ökologisch, sozial und kulturell, und vor allem das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Oft ist der erste Schritt, den Betroffenen zu verdeutlichen, dass sie Grundrechte haben, die der Staat achten muss.

Sie bilden Menschenrechts-Promotoren aus, was ist deren Aufgabe?

Bei uns können Freiwillige ein Diplom in Menschenrechten machen. Ihr Wissen geben sie dann an andere weiter, es ist ein Schneeballsystem. Unser Ziel ist, dass die Menschen in den Dörfern ihre Rechte kennen, wissen, was bei Menschenrechtsverletzungen zu tun ist, und bei welchen Behörden sie diese melden. Auf diese Weise wollen wir uns als Zentrum selbst überflüssig machen.

Veröffentlicht im Magazin MISEREOR aktuell