Die Menschen und das Monster

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Angel Lopez Perez hat einen klaren Blick, doch seine Augen sind seltsam vernebelt.

Im mexikanischen Tabasco werden Dorfbewohner vom staatlichen Erdölkonzern Pemex enteignet und vergiftet. Ein Drama in sieben Akten über Macht, Ohnmacht und Hoffnung. In den Hauptrollen: skrupellose Erdölmanager, korrupte Politiker und willfährige Richter. Doch kein Stück ohne Helden. Zornige Betroffene und mutige Anwälte wehren sich. Unterstützt aus Deutschland, von MISEREOR.

Von Øle Schmidt

Die gute Nachricht zuerst: es besteht keine Lebensgefahr! Lorena, Efrain und die anderen werden belogen und schikaniert von den Autoritäten des Staates und des Staatsbetriebes Pemex. Doch im Unterschied zu Menschenrechtlern in anderen Teilen Mexikos werden ihnen nicht Köpfe und Gliedmaßen abgetrennt. In einem Land, in dem Auftragsmörder auf Oppositionelle angesetzt werden, eine gute Nachricht.

Die weniger gute direkt hinterher: Es besteht Lebensgefahr! Für Lupita und ihre Familie, die in dem Dorf Aguilares langsam vergiftet werden. Für den alten Mann Angel aus der Gemeinde Nuevo Tornalargo, wo es verseuchte Asche regnet, und sich die Chromosomen der Kinder verändert haben.

Die Mandanten der renommierten Menschenrechtsorganisation CODEHUTAB haben allesamt das Pech, dem gierigen Monster mit den unterirdischen Rohren und den rauchenden Schloten im Weg zu stehen.

Doch der Reihe nach.

Erster Akt: Bekanntschaft mit dem Monster

Als wir in Villahermosa ankommen, brennt die Sonne und die Luft steht. In den nächsten 48 Stunden werden wir immer wieder das Wort Monster hören, gemeint ist damit der größte Konzern Mexikos, der ein Drittel zum Staatshaushalt beiträgt und dafür über Leichen geht: Pemex. Einer der zehn wichtigsten Erdölproduzenten weltweit.

Die Klimaanlage ächzt und die Ventilatoren laufen auf Hochtouren in dem kleinen Haus im Zentrum der Hauptstadt von Tabasco. Das Thermometer an der Wand zeigt 35 Grad an. »Schön, dass es heute so angenehm frisch ist«, sagt die freundliche Frau, die uns durch das Büro führt. Ihr Name ist Lorena Sanchez Martinez, die 33Jährige ist Juristin und die Chefin der Menschenrechtsorganisation. Seit zwanzig Jahren ist CODEHUTAB Partner von MISEREOR, Spenden aus Deutschland ermöglichen den Einsatz der Anwälte.

Im Auto machen wir erste Bekanntschaft mit der Omnipräsenz des Monsters, wieder und wieder passieren wir Tankstellen des mächtigen Konzerns. Die Autobahn führt Richtung Küste. Palmen mit Kokosnüssen säumen die Fahrbahn, die Wiese auf dem Mittelstreifen ist saftig und grün. »Das ist eine der schönsten Zonen in Tabasco«, sagt der Anwalt Efrain Rodriguez Leon, ohne den Blick von der Straße abzuwenden, »leider ist hier alles verseucht«.

Unser Ziel ist das Dorf Nuevo Tornalargo im Bezirk Paraiso, wo Bauern vor drei Jahrzehnten für den Bau einer Pemex-Raffinerie vertrieben wurden. Paraiso heisst übersetzt: Paradies.

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Das gierige Monster mit den unterirdischen Rohren und den rauchenden Schloten.

»Im Juli 2005 gab es hier eine Explosion mit fünf Toten und vielen Verletzten«, erklärt uns Efrain, der den Wagen ruhig über den Asphalt gleiten lässt. Bauarbeiter beschädigen morgens eine Erdölpipeline, Gas strömt aus. Pemex versäumt es, die Menschen aus den umliegenden Häusern zu evakuieren. Am Abend zieht die Gaswolke zu einem Haus und explodiert schließlich.

Unter den Verletzten sind auch zwei Kinder mit schweren Verbrennungen. Der Konzern bietet den Familien eine lebenslange Rente an, stellt die Zahlungen jedoch bald wieder ein. Die Eltern wenden sich an die Anwälte von CODEHUTAB, die nach dem Unfall in das Gebiet gereist waren, um die Verantwortung von Pemex öffentlich zu machen.

Die Landesregierung trägt eine Mitschuld an der Katastrophe. Sie hatte gesetzeswidrig genehmigt, die Autobahn viel zu nah an das unterirdische System von Ölpipelines bauen zu lassen. Auch das erfährt die Öffentlichkeit von den Menschenrechtsanwälten. Die Geschichte entwickelt sich zum Skandal.

Die Stimme der Radiosprecherin ist einnehmend, gewinnend. In einem Werbespot vor den Nachrichten verspricht sie im Namen der Landesregierung ein blühendes Tabasco.

Zweiter Akt: Das Monster wütet

Die Idylle in Nuevo Tornalargo ist trügerisch. Am Fuße des hellblauen Meeres zeigt sich das Monster siebenköpfig. Weit in den Himmel ragen die schlanken Schlote, von denen zwei Feuer speien. Unter Wasser leitet Pemex 250.000 Barrel giftigen Schlamm in den Ozean. Etwa 40 Millionen Liter. Jeden Tag. Der Schlamm ist ein Abfallprodukt bei der Gewinnung von Rohöl aus den Tiefen der Erde, wo das Monster auch wütet.

Angel Lopez Perez ist Ende siebzig, sein Blick ist klar, doch seine Augen sind seltsam vernebelt. »Die Ärzte sagen, es ist eine Folge der Kontamination«, erklärt er. »Ich bin einer der Vertriebenen«, sagt der Mann, der vierzig Jahre die Erde bestellt hat, auf der jetzt die Pemex-Raffinerie steht. »Sie sind aus dem Nichts aufgetaucht, und haben uns unser Land weggenommen«, ergänzt Angel nach einer Pause. Sie, das sind die Advokaten des Monsters und die Schläger, die den Hunger nach Land und Fördergebieten stillen sollen.

Vater und Sohn fahren damals in die Hauptstadt. Ein führender Politiker teilt ihnen mit, dass die Enteignung ihres Landes eine Anweisung des mexikanischen Präsidenten sei. Falls sie nicht kooperierten, gäbe es nur eine Antwort: Gewalt. »Damals begann unsere Leidenszeit«, sagt Angel.

Rund dreitausend Euro zahlt Pemex der Familie für das Haus und den halben Hektar Land, ein Fünftel des Wertes. Ein kleineres Haus auf einem kleineren Grundstück in dem erzwungenen Exil auf der anderen Seite des Meeres kostet sie mehr als sechstausend Euro.

Nach dem Bau der Raffinerie verschlechtert sich das Leben in Nuevo Tornalargo zusehends. Viele Bewohner klagen über Allergien und Kopfschmerzen, über entzündete Lungen und Bronchien. Immer mehr erkranken an Krebs, einige von ihnen sterben.

Dritter Akt: Das Monster wird entzaubert

Vor sechs Jahren dann erfahren die Anwälte von den Menschenrechtsverletzungen in dem Dorf. Mit ihrer Hilfe geben die Bewohner eine Studie in Auftrag. Das Ergebnis: Bei zwanzig Prozent der Kinder haben sich die Chromosomen verändert.

Das Menschenrechtszentrum unterbreitet Pemex Verbesserungsvorschläge. Die Öffentlichkeitsarbeit und der politische Druck zeigen Wirkung, der Erdölriese zieht 2011 die fünf alten Schornsteine 150 Meter weiter vom Dorf weg und baut zwei weitere, so dass die Intensität der einzelnen Flammen geringer ist. Die Anlage läuft seitdem seltener auf voller Leistung.

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Führt der Staatskonzern Pemex einen Krieg gegen mexikanische Staatsbürger? Der Anwalt Efrain Rodriguez Leon im Büro von CODEHUTAB.

Die Hitze im Dorf nimmt ab, die Erschütterungen der Erde, die ganze Häuserwände einreißen lassen, gehen zurück, auf das Dorf regnet fortan weniger giftiger Ruß. Ein erster Erfolg.

Es war ein langer Weg bis dahin. Die Anwälte müssen sich das Vertrauen der Menschen erst mühsam erarbeiten, die von Pemex und Parteiführern belogen worden waren. In Workshops klären sie die Dorfbewohner über ihre Rechte auf und organisieren den Protest.

»Im Moment beschäftigt sich die staatliche Umweltbehörde mit dem Fall«, blickt Efrain in die Zukunft, »mit den Ergebnissen von drei Studien rechnen wir uns gute Chancen in einem Prozess gegen Pemex aus«. Bis dahin gelte es, den zivilgesellschaftlichen Druck zu erhöhen, damit der Staat die Schornsteine von Pemex kontrolliere, und das Unternehmen die Kontamination mithilfe von Umwelttechnik spürbar reduziere.

Die Mittagshitze bringt das Leben in Nuevo Tornalargo fast zum Erliegen. Die wenigen, die ihr Haus verlassen müssen, tun dies gemächlichen Schrittes. Angel ist sich sicher, das sie weiterhin geduldig sein müssen. »Ein Gerichtsprozess gegen gleich zwei Monster, gegen Pemex und die Regierung, dauert ewig«, sagt er nachdenklich, »sie haben nun einmal Geld und Einfluss.«

Doch wie kann es dreißig Jahre dauern, bis offensichtliches Unrecht dann hoffentlich gesühnt wird? »In Mexiko gibt es viel Korruption«, antwortet Angel. »Pemex bezahlt die Regierung und den Gouverneur. Deswegen ist bis jetzt niemand auch nur einer meiner Anzeigen gegen das Unternehmen nachgegangen«.

Vierter Akt: Es sind viele, die an dem Monster leiden

Wir sind zurück auf der Autobahn, wollen in dem Dorf Aguilares mit weiteren Opfern des Erdölproduzenten sprechen. Eine nach der anderen Pemex-Tankstelle zieht an uns vorüber. Von einer Plakatwand lächelt ein verschwitzter Petrolero. Geschrieben steht dort: »Jeder Tragödie kann mit Sicherheit und Leidenschaft vorgebeugt werden – Pemex«. Mexikaner sind anfällig für Heldengeschichten.

Lupita sitzt auf der rosa getünchten Terrasse ihres Hauses, über ihr hängt die Jungfrau von Guadalupe, die wichtigste Heilige im katholischen Mexiko. Auf der kleinen Lehmstraße gegenüber stolziert eine Gruppe von Pfauen. »Irgendwann kamen die Lastwagen und die Arbeiter hoben tiefe Löcher am Dorfeingang aus«, erinnert sie sich. Die Arbeiter gehören zu einem Subunternehmen von Pemex, sie laden große Mengen an Schlamm ab. Die Bewohner merken schnell, dass etwas nicht stimmt, sie klagen über Kopfschmerzen, Schwindel und Allergien. Ein Arbeiter hindert Lupita am Betreten des Geländes. Er sagt, dass dort krebserregende Stoffe lagerten.

»Ich habe mich natürlich gefragt, warum sie giftige Erde zu uns bringen«, sagt Lupita mit einem Achselzucken. Die Dorfbewohner nennen den Ort fortan den Friedhof. Efrain blickt in die Runde, dann sagt er: »Werbekampagnen sind einfach billiger, als Giftmüll verantwortungsvoll zu entsorgen.«

Die Gemeinschaft wendet sich damals an das Menschenrechtszentrum. Die Anwälte machen die Situation in Aguilares öffentlich. Sie lassen bei ihrer Suche nach Antworten nicht locker. Die staatlichen Stellen mauern.

Fünfter Akt: Die Menschen verlieren den Glauben an das Monster

Dann untersucht die Gesundheitsbehörde doch den Schlamm. Es stellt sich heraus, dass er hochgradig verseucht ist. Allein die Konzentration an Diesel überschreitet den Grenzwert um das zwanzigfache. »Als klar war, dass sie uns vergiften, haben wir 2005 Klage gegen die Firma eingereicht«, sagt Lupita bestimmt. Die Anwälte von Pemex gehen zum Gegenangriff über: Sie stellen die Firma als Opfer dar, und verklagen die Dorfbewohner wegen Diffamierung. Ohne Erfolg. Doch bis heute gibt es kein Urteil zum Giftschlamm, die Akten verschwinden im Archiv. »Pemex wird den Richter gekauft haben«, ist sich Lupita sicher, »so wollen sie verhindern, dass wir Recht erhalten.« Die Dorfgemeinschaft muss die Gerichtskosten und die Anwälte zahlen.

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Schein und Sein am Friedhof in Aguilares: »Werbekampagnen sind einfach billiger, als Gift-müll verantwortungsvoll zu entsorgen.«

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Fremde im Dorf sind, wir sind umringt von Kindern, die aufmerksam unseren Fragen lauschen, auch wenn sie kein Wort verstehen.

Zumindest einen Teilerfolg haben Dorfbewohner und Anwälte bis jetzt erreicht: Fahren die Laster mit dem Giftschlamm anfangs Tag und Nacht vor, kommen sie nun deutlich seltener. Lupita und die anderen wollen die Klage erneut einreichen, ihre Hoffnung setzen sie dabei in die neue Landesregierung.

Sechster Akt: Das Monster ist ein Scheinriese

So unterschiedlich die Fälle in Nuevo Tornalargo und Aguilares auch sind, die Anwälte bieten den Menschen gleichermaßen ihre Dienste an, um das Monster zu entzaubern. Sie setzen auf die gemeinsame Erfahrung, dass Monster in Wahrheit Scheinriesen sind, verwundbar durch Öffentlichkeit und allergisch gegen Selbstorganisation und Solidarität. Vielleicht ist es irgendwann sogar soweit, dass selbstbewusste Menschen aufhören, Monster in ihrer Vorstellung tagtäglich zum Leben zu erwecken. Profithungrige Manager und Politiker aus Fleisch und Blut können besiegt werden, Monster aus einer Phantasiewelt nicht.

Papst Franziskus hätte seine helle Freude an der Arbeit des Menschenrechtszentrums CODEHUTAB, das seine Ordensbrüder von den Jesuiten gegründet haben. Er, der eine arme Kirche für die Armen ausgerufen hat, und das Wort an die Vergessenen und Aussortierten an der Peripherie der Gesellschaft richtet.

Und dann macht Lupita noch eine kleine Liebeserklärung. » Efrain und die anderen begleiten uns die ganzen Jahre, sie geben uns Mut und Kraft. Für mich sind sie keine Anwälte mehr, sie gehören zu meiner Familie«.

Als wir vor unserer Abreise zu der illegalen Deponie am Dorfeingang gehen, zeigt sich uns ein merkwürdiges Bild. Exotische Vögel kreisen über dem Gelände mit der Größe von drei Fußballplätzen. In dem kleinen See auf dem vergifteten Erdreich werfen Wolken und Palmen malerische Schattenbilder. Lupita erzählt uns, dass eines Tages ein weiterer Anwalt nach Aguilares gekommen ist, einer von der Gegenseite. Er legt ihr einen unterschriebenen Blanko-Scheck auf den Tisch, sie könne die Summe selbst eintragen. Unter der Bedingung, dass die Gemeinschaft die Klage zurückzieht und ihren Widerstand einstellt. »Ich habe ihn weggeschickt und gesagt, dass ich die Gesundheit meiner Kinder nicht verkaufe«, sagt Lupita.

Siebter Akt: Das Monster nicht mehr zum Leben erwecken

Es ist etwas in Bewegung geraten in Tabasco. Das korrupte System, das dem Machterhalt kaltschnäuzig die Menschenrechte opfert, zeigt Risse, seit die Betroffenen Würde einfordern.

Mehr als acht Jahrzehnte hatte sich die ehemalige Staatspartei PRI als Besitzer des kleinen Bundesstaates aufgeführt. Bis zu jenem Tag im Juni diesen Jahres, als Ermittler riesige Mengen Bargeld bei dem Gouverneur finden. Was vor kurzem noch undenkbar schien, tritt nun ein; ein käuflicher Landesfürst muss seinen gepolsterten Chefsessel gegen eine harte Gefängnispritsche tauschen.

Dass Lorena und Efrain, Angel und Lupita dennoch einen langen Atem brauchen werden, zeigt sich allein daran, dass auch der amtierende Gouverneur ein ausgewiesenes Gespür für die Macht offenbart, als er vor der Wahl kurzerhand von der alten Regierungspartei zur neuen wechselt.

Die Menschenrechtsanwälte von CODEHUTAB werden weiter ihrer Arbeit gegen das Monster nachgehen. Hoffentlich ohne Lebensgefahr.

Veröffentlicht im Magazin MISEREOR aktuell