Die alten Männer haben ausgedient

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La Paz – der Frieden.

Menschenrechte zählen nicht viel in Guatemala, nicht für Erwachsene, noch weniger für Kinder. Das mittelamerikanische Land wird von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt. Gewalt und Straffreiheit eskalieren. Friedensbotschafter sollen nun zeigen, wie es anders geht. Unterstützt von der Kindernothilfe.

Von Øle Schmidt

Die große, schwere Holztür hat keine Klinke. Sie kann nur von Innen geöffnet werden, mechanisch, per Knopfdruck. Es gibt kein Schild, wer hinter dieser massiven Pforte anzutreffen ist. Dafür surrt leise eine Kamera. Oben, links. Vierundzwanzig Stunden am Tag zeichnet sie auf, wer Einlass begehrt. Oder sich Einlass verschaffen möchte. Gewaltsam. Wer sich für die Rechte von Kindern einsetzt, der lebt gefährlich in Guatemala. Auch die Mitarbeiter der ODHAG, die hinter der schweren Holztür arbeiten. Das musste schon Bischof Juan Gerardi erfahren. Der Gründer der renommierten Menschenrechtsorganisation des Erzbistums in der Hauptstadt, wurde nach dem Bürgerkrieg von Militärs ermordet. – Es klingelt. Der Monitor im Kontrollraum der ODHAG zeigt das Bild einer jungen Frau. Ihre Locken sind brünett, wache Augen blicken in die Kamera.

Kurzer Applaus brandet auf, als Kimberleys Name verlesen wird. Die neunzehnjährige Studentin hat die brünetten Locken jetzt zusammengesteckt, ihr Rock ist kurz, waghalsig erklimmt sie auf ziemlich hohen Hacken die Treppe zum Podium; hier in der Universität der Jesuiten in Guatemala-Stadt. Sie geht an dem Logo der Kindernothilfe vorbei, das auf dem Banner der Unterstützer gedruckt ist. Nery Rodenas, der Direktor der ODHAG, überreicht Kimberley ein Diplom. Jetzt ist sie eine Friedensbotschafterin. So wie die 284 anderen, die auch heute ausgezeichnet werden, hatte Kimberley an einem Training der Menschenrechtsorganisation teilgenomen. Sie alle stammen aus Gemeinden mit besonders viel Gewalt. Sie sind Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten, Mitarbeiter von Kirchen und staatlichen Institutionen. Sogenannte Schlüsselpersonen, die mit Kindern arbeiten, denen sie nun eine Kultur des Friedens und der Menschenrechte vermitteln sollen. Das ist bitter nötig in Guatemala, wo es eine der weltweit höchsten Mordrate gibt.

Wir versuchen hier nicht weniger als eine Revolution der Liebe.

– Kimberley

In einem Film vor der Diplomverleihung hatte die ODHAG der Rechtsaußen-Regierung von Präsident Otto Pérez Molina ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt: Es gäbe mehr Gewalt und sexuellen Missbrauch gegen Kinder, weniger Bildung und Gesundheitsversorgung. Die Regierungsvertreterin auf dem Podium verzieht keine Miene. Kimberley arbeitet schon seit vier Jahren ehrenamtlich mit Jugendlichen, als sie sich bei dem Friedens-Diplomado anmeldet. »Es wird dauern, das Bewusstsein in diesem Land zu verändern«, sagt sie, »denn was wir hier versuchen, ist nicht weniger als eine Revolution der Liebe.« Dass es ein langer Weg wird, dass weiß auch Ninfa Alba. Die 52-Jährige ist verantwortlich für das Diplomado und seine inhaltliche Ausrichtung mit Modulen.

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Friedensbotschafterin und Revolutionärin: Kimberley aus El Salvador.

Im ersten Modul lernen die Teilnehmer, ihre Kinder kennenzulernen. »Viele Lehrer wissen gar nicht, bei wem ihre Schüler leben, oder ob sie arbeiten müssen«, erklärt Ninfa Alba. Gemeinsam erarbeiten sie einen Fragebogen, den die Kinder ausfüllen sollen. Die Entwicklungsstufen, die Kinder durchlaufen, werden im zweiten Modul besprochen. Die Diplomanden schreiben ihre Biographie auf, und stellen den Kindern später dieselbe Aufgabe. Das nächste Modul: Pädagogik des Friedens. Welche Menschenrechte haben Kinder, und mit welchen Medien können sie spielerisch vermittelt werden?

Ninfa Alba erzählt von einer fatalen Dynamik in Guatemala. »Kinder stehen hier auf der untersten Stufe«, sagt die Projektverantwortliche. Sie zählten nichts, da sie als unkomplette Erwachsene gesehen würden, und nicht als eigene Person. Deshalb sei es gesellschaftlich akzeptiert, Kindern Gewalt anzutun. Dieses kulturelle Muster gelte es mit dem Diplomado zu ändern, Schritt für Schritt. »Es gibt in Guatemala eine Kultur der Gewalt; eine Kultur, diese Gewalt anzuzeigen gibt es nicht«, ergänzt Ninfa Alba nach einer Pause, »noch nicht.« Diese Kultur der Gewalt richtet sich mehr und mehr auch gegen die Mitarbeiter der ODHAG, die Drohungen nehmen zu. Ninfa Alba hat Angst um ihre Tochter, Nery Rodenas kann sein Haus nicht mehr ohne Leibwächter verlassen.

Kunst ist für mich die beste Möglichkeit, eine gewalttätige Gesellschaft zu überwinden.

– Kimberley

Im vierten Modul des Diplomados geht es um Kinderschutzgesetze und die staatlichen Stellen, bei denen Gewalt und Missbrauch angezeigt werden können. Das letzte, das fünfte Modul, ist vielleicht das Wichtigste: alle Teilnehmer entwickeln ihr eigenes Projekt, um umzusetzen, was sie vorher gelernt haben. In ihrem Viertel, ihrer Schule oder der Kirchengemeinde.

Sie ist vierzig Meter lang, etwa drei Meter hoch, und noch langweilig grau: die Wand, um die sich in den nächsten Stunden alles drehen wird. Nach der Verleihung der Diplomados gestern an die Friedensbotschafter, gehen die Kinder heute an die Öffentlichkeit. Sie malen Wandbilder, auf denen sie ihre Rechte präsentieren. Ganz unbescheiden fordern sie Gewaltlosigkeit ein, Bildung und Nahrung, das Recht auf freien Ausdruck und Schutz. Siebzig Schüler sind gekommen, zwischen zehn und siebzehn Jahren.

Kimberley ist in ihrem Element. Umringt von einer Traube Kinder erklärt sie, wie man Beton bemalt, und beginnt mit einer groben Skizze. Einige Stunden und umgekippte Farbbecher später wird auf dem Wandbild ihrer Gruppe »No a la Violencia« zu lesen sein: Nein zur Gewalt! Kimberley weiß, wie sich Gewalt anfühlt. »Nach Sonnenuntergang kann ich in unserem Viertel nicht mehr auf die Straße gehen, das ist zu gefährlich«, sagt sie. Maras, kriminelle Jugendbanden, bedrohen die Anwohner, die Gleichaltrigen leiden besonders unter der nächtlichen Ausgangssperre.

So sind Jugendliche in Kimberleys Viertel Täter und Opfer zugleich. Deswegen hat sie die »Künstler für den Frieden« gegründet, ihr Diplomado-Projekt. Immer samstags treffen sich fünfundzwanzig Jugendliche zum kreativen Austausch. In ihrer Galerie zeigen sie den Viertelbewohnern Zeichnungen, Tanz und Theater. »Kunst ist für mich die beste Möglichkeit, eine gewalttätige Gesellschaft zu überwinden«, Kimberley ist optimistisch.

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»Nein zur Gewalt«: Der Auftrag der Kinder an die alten Herren ist eindeutig.

Doch noch liegen dunkle Schatten der Vergangenheit über Guatemala. Die Evolution der Gewalt, unter der heute Kinder wie Erwachsene leiden, beginnt 1960 mit einem der längsten und blutigsten Bürgerkriege Lateinamerikas, der erst 1996 endet. In den Familien der mehr als 200.000 Opfer wirken Tod und Trauma bis heute nach. Frieden ist etwas anderes.

Beispielhaft für Staatsterror und Straffreiheit in Guatemala sind die Geschichten dreier Männer. Mit dem Putsch des Militärs Efraín Rios Montt beginnt 1982 das blutigste Kapitel des Bürgerkrieges. In die anderthalb Jahre seiner Herrschaft fällt die Hälfte aller Massaker, die Armee und Paramilitärs in sechsundreißig Jahren verüben. In der Region Quiché werden Tausende gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Chef der berüchtigten Aufstands-bekämpfungseinheit dort ist General Otto Pérez Molina. Einer seiner Gegenspieler ist Juan Gerardi, der Bischof von Quiché. Juan Gerardi gründet 1989 in der Hauptstadt die ODHAG, das Menschenrechtsbüro des Erzbistums. Mit den Worten »Ich weiß, dass die Wahrheit schmerzt, doch sie ist eine höchst befreiende Handlung« stellt er am 24. April 1998 ein Buch über die Kriegsverbrechen von Militärs und Regierenden vor.

Zwei Tage später wird Monsignore Gerardi in seinem Haus von Militärs erschlagen. Ein Zeuge sieht Otto Pérez Molina unweit des Tatorts, doch es kommt nie zu einer Anklage. Im Jahr 2011 gewinnt Otto Pérez Molina die Wahl zum Präsidenten von Guatemala. Am 10. Mai 2013 wird sein ehemaliger Befehlshaber Efraín Rios Montt zu 80 Jahren Haft verurteilt. Ein historischer Moment: Nie zuvor war ein Staatschef von einem Gericht seines eigenen Landes wegen Völkermordes verurteilt worden. Zehn Tage später hebt das Verfassungsgericht das Urteil gegen Rios Montt auf. Präsident und Ex-General Otto Pérez Molina lebt bis heute unbehelligt.

Gewalt ist transformierbar, das ist die Botschaft des Diplomados.

– Ninfa Alba

Wenn siebzig Kinder ausgelassen malen, ist das schön anzusehen. Und ganz schön laut. Als ob die Geräuschkulisse nicht schon unübersichtlich genug wäre, schließt Ninfa Alba beim Mittagessen die großen Boxen an. Auf Kosten eines Tanzes. Auch der Speiseplan stößt auf Gegenliebe, Pommes mit Hühnchen ist eine international gültige Kinderwährung. Die ersten Passanten bleiben vor den Wandbildern stehen, und fragen neugierig nach. Stolz erzählt ihnen eines der Mädchen von ihrem Recht auf Frieden. Ninfa Alba beobachtet die Szene mit einem Lächeln. »Gewalt ist transformierbar und ein friedliches Miteinander möglich, das ist die Botschaft des Diplomados«, sagt sie.

Doch wer will schon genau sagen, wie die Wunden der Gewalt in Guatemala heilen können. Sicher ist nur eines: die alten Männer, sie haben ausgedient. Präsidenten, Armeechefs und Parteiführer hatten ihre Chance, und sie haben versagt, mit ihrem Hunger nach Reichtum, Macht und Vergeltung. Die ODHAG, Ninfa und Kimberley setzen ihre Hoffnungen auf die Jungen, auf die Kinder und Jugendlichen. Und wer weiß, vielleicht ist es ja ein gutes Omen, dass die große Mehrheit der neuen Friedensbotschafter weiblich ist.

Veröffentlicht im Magazin der Kindernothilfe