Eine ganz eigene Sphäre

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Für die Behinderten und Pensionäre ist das Leben im Asile ein langer, ruhiger Fluss.

Vielleicht mit Gottes Hilfe, auf jeden Fall aber unter der Leitung von Schwester Claudette: In Léogâne, zwei Autostunden von Haitis Hauptstadt entfernt, haben Nonnen nach dem Erdbeben das Gemeindezentrum Asile St. Vincent de Paul wiederaufgebaut. Mit Unterstützung von Caritas international.

Von Øle Schmidt

»So, jetzt ist Schluss, keine weiteren Aufnahmen mehr! Es geht hier schließlich nicht um mich!« So eindringlich Schwester Claudette zuvor vom Einsturz und vom Wiederaufbau des Asile erzählt hat, so resolut beendet sie jetzt das Fotografieren. Das nennt man wohl natürliche Autorität. Und ist gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Einmal weil Schwester Claudette Meisterschaft darin erlangt hat, mit unerwarteten Bewegungen zu verhindern, das sie abgelichtet wird – und eine Geschichte nun einmal die Bilder ihrer Hauptdarstellerin braucht. Und mehr noch, weil es nur die halbe Geschichte ist, und das weiß natürlich auch Schwester Claudette. Denn ohne die 62-Jährige vom Orden der Freunde Jesus’, ohne ihre Beharrlichkeit, gäbe es das Asile seit fünf Jahren wohl nicht mehr.

Kurz zuvor: Entschlossenen Schrittes führt uns Schwester Claudette über das Gelände des Gemeindezentrums Asile St. Vincent de Paul. Auf einer Fläche von drei Fußballfeldern stehen Heime für Alte und Behinderte, ein Kindergarten und eine Grundschule. Kommt man aus der Hauptstadt, biegt man nach zwei Stunden lärmender und staubiger Fahrt nach links ab. Und nach dem Eingangstor kommt plötzlich Farbe ins Bild, die Lautstärke sinkt.

Es ist ein bemerkenswertes Unterfangen, den Verletzlichsten, den Alten und den Jungen, ein Zuhause zu geben; in Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre. Doch dann bebt die Erde, eine Katastrophe biblischen Ausmaßes mit mehr als 300.000 Toten. Das Asile wird fast komplett zerstört. Jetzt, fünf Jahre später, ist der Wiederaufbau mit Unterstützung von Caritas international fast abgeschlossen.

Wir haben jetzt viel mehr Platz als vorher, und die Lehrer sind besser ausgebildet.

– Michaïlle

»Wir haben jetzt viel mehr Platz als vorher, alles ist schöner. Ich bin froh, dass die Schule endlich fertig gebaut ist.« Michaïlle ist zehn Jahre alt, und besucht die dritte Klasse im Asile. Ihre Zöpfe sind akkurat geflochten, wie die anderen trägt sie eine violette Schuluniform. Der Klassenraum ist hell, Michaïlle teilt sich ihren Schreibtisch mit einer Freundin. An der Wand hängt das Bild von Papst Franziskus unter Glas, andernorts grüßt noch sein Vorgänger Benedikt. »Und die Lehrer sind jetzt besser ausgebildet«, findet die Schülerin, »sie können uns mehr beibringen.«

Junior Guerrier kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Der 28-jährige Lehrer hört geistliche Musik, während er die nächste Englischstunde vorbereitet. Überall ist es grün, der Rasen saftig, die Blätter der Bäume schimmern im Gegenlicht. Der Name des Gemeindezentrums trügt nicht, es ist ein Asyl, eine Zufluchtsstätte in einem Land, das um sein Überleben kämpft. Wir passieren einstöckige Gebäude mit penibel angestrichenen Fassaden, verbunden von Gehwegen, die auch deutsche Hausmeister nicht gründlicher von Unkraut befreien könnten.

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Schwester Claudette pflegt einen pragma-tischen Feminismus in Haiti, wo ansonsten Männer den Ton angeben.

Schwester Claudette trägt ihren blauen Rock hoch, über dem blütenweißen Hemd baumelt ein Kreuz, ihre Haare hat sie sorgfältig in einem Kopftuch verstaut. Streng ist sie, mit sich, den Schülern und den Handwerkern im Asile. Es ist nicht leicht, ihrer Eindringlichkeit etwas entgegenzusetzen. Bis sie irgendwann ihr heiseres Lachen lacht, und ihre kleine Brille abnimmt. Mit den Pensionären plaudert und scherzt sie ganz entspannt.

Geboren wird Schwester Claudette in Cap-Haïtien, im Norden der Karibikinsel. Nach der Grundschule besucht sie in der Hauptstadt Port-au-Prince die Sekundarschule. Mit zweiundzwanzig schließt sie sich dem Orden der Freunde Jesus’ an, und studiert dort Altenpflege und Sozialarbeit. »Ich wusste schon als ganz junges Mädchen, das ich später einmal Nonne werde«, erzählt Schwester Claudette mit einem vielsagenden Lächeln.

Wir werden von einer alten Dame entführt, die uns unbedingt ihren neuen Raum zeigen möchte. Gab es anfangs große Schlafsäle im Asile, gibt es nach dem Wiederaufbau nun mehr Privatsphäre für die Pensionäre, wie Schwester Claudette sie liebevoll nennt. Die 75-Jährige ist eine von ihnen, ihren eigenen Namen hat sie gerade nicht parat, dafür zeigt sie uns stolz einen schwarz-weiß-Fernseher, der seine besten Tage lange hinter sich hat. »Sie hütet ihn wie einen Schatz«, sagt Schwester Claudette, als wir wieder draußen sind, »obwohl der Fernseher nicht mehr funktioniert.«

Auf einem Platz unter großen, alten Bäumen treffen sich die männlichen Pensionäre. Einige sitzen im Rollstuhl, andere entspannt auf einer Holzbank. Gesprochen wird wenig, und wenn dann meist mit Augen und Händen. Hier ist das Leben ein langer, ruhiger Fluss. Darf ich Fotos machen? Unaufgeregtes Kopfnicken. Dass die Alten und vor allem die Behinderten im Asile in ihrer ganz eigenen Sphäre leben können, ist ein Privileg in Haiti, wo es nicht einmal für die meisten Arbeitsfähigen zu etwas Würde reicht. Zum Abschied wird freundlich genickt.

Schwester Claudette pflegt einen pragmatischen Feminismus. In Haiti seien es nun mal die Frauen, die hart arbeiteten und Verantwortung übernähmen, um das Land vorwärts zu bringen. »Die Pensionärinnen im Asile sind zufrieden«, erklärt sie mir, »sie arbeiten mit, waschen und kochen. Die Männer sitzen so da, streiten sich untereinander, und beschweren sich über das Essen.« Wieder lacht Schwester Claudette ihr heiseres Lachen. Widerspruch zwecklos. »Sieh nur selbst«, sagt sie und zeigt in Richtung der Frauen, die unweit der Männer ihren eigenen Platz haben. Hier wird gesprochen und geflirtet, eine jüngere schneidet einer ganz alten die Haare.

Es war ein schwarzer Tag, den wir Überlebende nicht mehr vergessen werden.

– Schwester Claudette

Eine Frage steht die ganze Zeit im Raum. Als ich mich traue, sie zu stellen,stößt Schwester Claudette einen tiefen Seufzer aus, Tränen schießen in ihre Augen. Wie war das damals, vor fünf Jahren, mit dem Erdbeben? »Dieses Erlebnis hat uns alle tief gezeichnet«, sagt sie, »es war ein schwarzer Tag, den wir Überlebende bis an unser Ende nicht mehr vergessen werden.« Am Nachmittag des 12. Januar 2010 feiern sie im Asile den Geburtstag einer Schwester. Weil sich eine von ihnen verspätet, essen sie später als gewöhnlich. Anschließend wollen sie noch gemeinsam die Kapelle besuchen. Beim Abwaschen des Geschirrs bewegen sich plötzlich Wände und Möbel, Teile der Decke stürzen herab. Jemand schreit: Raus, raus! Wir müssen alle sofort raus hier!

»Wäre die Schwester pünktlich gekommen, wären wir während des Erdbebens in der Kapelle gewesen«, Schwester Claudette spricht jetzt leise. »In der eingestürzten Kapelle hätte niemand von uns überlebt.« Léogâne liegt im Epizentrum des Bebens, fast alle der 20 Gebäude im Asile werden zerstört, zwölf Heimbewohner und zwei Schwestern verlieren ihr Leben. Nur weil die Schulkinder schon wieder Zuhause sind, bleibt eine noch größere Katastrophe aus.

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Der Klassenraum ist hell, an der Wand grüßt Papst Franziskus unter Glas.

»Wir hatten weder Wasser noch Strom, und nicht genug Kleider für die Pensionäre«, erinnert sich Schwester Claudette. Gemeinsam beten sie damals. »Alles, was wir in Jahre langer Arbeit mühsam aufgebaut hatten, war zu Staub verfallen«, sagt sie. Es dauert vier Tage, bis Schwester Claudette trauern kann. »Ich habe mich in eine Ruine gesetzt, und konnte weinen, und Gott um Kraft für einen neuen Anfang gebeten.«

Mit internationaler Hilfe übersteht das Asile die Monate nach dem Beben. Kanadische Soldaten sind als erste da, um die Schwestern zu unterstützen. Sie bergen die Leichen der Toten und beerdigen sie. Kurz darauf trifft eine Delegation von Caritas international ein. Die Deutschen überbringen Wasser und Nahrungsmittel – und das Angebot, das Asile wieder aufzubauen. Eine spanische Hilfsorganisation stellt Übergangshäuser für die Pensionäre auf. Terre des Hommes Schweiz schickt Psychologen und Container, in denen der Unterricht provisorisch beginnt. Die Ordensschwestern entscheiden sich, den Wiederaufbau mit Caritas international zu machen, sie möchten einen verlässlichen, katholischen Partner.

Das hat sich niemand so ausgesucht, so ist einfach das Leben.

– Schwester Claudette

Im Juni 2010, sechs Monate nach dem Beben, beginnen die Bauarbeiten. Im Februar startet der reguläre Unterricht in den ersten neuen Klassenzimmern. Heute gibt es im Asile bessere Bedingungen, für mehr Menschen. 600 Kinder können unterrichtet werden, doppelt so viele wie vorher. Aus der Tragödie ist nicht nur Leid erwachsen. »Für das Asile war es ein Neubeginn, ohne das Erdbeben hätten wir niemals so großzügig bauen können«, sagt Schwester Claudette nachdenklich. »Das hat sich niemand so ausgesucht, so ist einfach das Leben.«

Bliebe also nur noch eine Sache zu klären. Wie konnte sie schon als junges Mädchen wissen, dass sie später einmal Nonne werden würde? Schwester Claudette lächelt. »Nun, in der Grundschule hat mir meine Lehrerin Irma die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt. Sie hat sich die Milchzähne selbst gezogen, um schneller die Kommunion empfangen zu können. Das Mädchen ist dann später einem Orden beigetreten, und hat den Menschen Gutes getan. In diesem Moment stand für mich fest, dass ich den selben Weg gehen möchte.« Die kleine Claudette ist sieben Jahre alt, als sie die Geschichte hört, und hatte ihre Milchzähne schon verloren. Es war ein Moment, der ihr Leben verändern sollte; und das Leben der Bewohner und Schüler im Asile St. Vincent de Paul.

Veröffentlicht auf der Internetseite von Caritas international