Wer aber waren die Täter?

»Vorbereitung zum Hochverrat«. So lautete die Anklage gegen 724 Männer und Frauen aus Wuppertal und Velbert.  Zur Zeit der national- sozialistischen Terrorherrschaft hatten sie es gewagt, in ihren Betrieben illegale Gewerkschaftsgruppen oder Zellen der verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands aufzubauen. Die Massen- prozesse von 1935 an gehen als »Wuppertaler Gewerkschafts- prozesse« in die Geschichte ein, verfolgt von einer Weltöffentlichkeit. Für die Jagd auf die Gewerkschafter, für Zwang und Folter ist vor allem die Gestapo verantwortlich. Wer aber waren die Täter?

Von Øle Schmidt

Sie kommen in der Nacht, oder am helllichten Tag. Sie brechen die Tür auf, mit oder ohne Haftbefehl. Ihre Opfer zwingen sie in Verhören zu Geständnissen, demütigen und quälen sie. Eine Szene aus einem Science Fiction? Nein, leider. Vielmehr blutiger Alltag im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Als 1935 massenhaft Männer und Frauen aus Wuppertal und Umgebung wegen der Bildung von Widerstandsgruppen festgenommen werden, setzt die brutale Maschinerie der Nationalsozialisten erneut ein. Neben dem Justizapparat, den Dienststellen von NSDAP, SA und SS ist vor allem die Geheime Staatspolizei verantwortlich für die Jagd nach Regimegegnern. Auch im Kontext der Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse.

Die Mitarbeiter der Gestapo lassen sich drei Gruppen zuordnen, mit fließenden Übergängen. Albert Müller etwa gehört zu denen, die ihre Karriere noch in der Weimarer Republik begonnen hatten. Wie die meisten dieser älteren Kriminalbeamten tritt auch er erst nach der Machtübertragung der NSDAP bei. Bereits 1938 leitet er die Nebenstelle der Gestapo in Wuppertal. Vor den Ausschüssen zur Entnazifizierung später begründen viele dieser erfahrenen Beamten ihre Beteiligung am Nationalsozialismus mit dem hohen Anpassungsdruck in der Behörde. Daraus allerdings zu schließen, dass sie vor körperlicher Gewaltanwendung zurückschreckten, nein, das entspricht nicht den historischen Tatsachen. Albert Müller taucht nach dem Krieg in Westberlin unter, auch nach seiner Enttarnung 1952 bleibt er juristisch unbehelligt.

Die so genannten Exzesstäter lassen sich vor allem unter den ideologisch zuverlässigen Parteimitgliedern finden. Diese Nationalsozialisten treten nach der Machtübertragung aus Überzeugung in den polizeilichen Dienst ein – die meisten von ihnen ohne jemals eine entsprechende Ausbildung durchlaufen zu haben. Wie kein anderer in Wuppertal verkörpert der berüchtigte Artur Peters diesen Typ sadistischer Gestaposchläger. Peters uriniert auf Gefangene, quält sie mit glühenden Zigarettenstummeln. Er schreckte nicht davor zurück, Frauen zu misshandeln. Artur Peters wird nach der Befreiung vom Faschismus zum Tode verurteilt, er kommt nach acht Jahren frei.

Mit Beginn des Krieges 1939 rücken verstärkt jüngere, erfolgsorien- tierte Technokraten in die Gestapo. Diese Quereinsteiger, denen Zeugen ausgesprochen zynische Wesenszüge bescheinigen, setzen Gewalt gegen Häftlinge zielgerichtet ein. Sie sind vor allem an der Verbesserung ihrer Ermittlungsbilanz interessiert. Sie misshandeln, um ihren persönlichen Aufstieg zu organisieren. Dafür setzen die jungen Karrieristen auf ein breites Spektrum von Vernehmungsmethoden, von psychischem Druck bis zu brutaler körperlicher Gewalt. Ein Beispiel für diesen kalten, zweckrationalen Typus ist Kriminalsekretär Albert Michel, der ausländische Zwangsarbeiter zwingt, sein Haus zu bauen.

Wer also waren die Täter? Die verstörende Erkenntnis ist, es waren Menschen. Es waren Menschen, die Menschen demütigten und quälten. Keine Monster, keine Tiere. So unfassbar und unerträglich es auch sein mag. So unglaublich ihre Taten auch waren.

Die jüdische Schriftstellerin Hanna Arendt nannte es „die Banalität des Bösen“. Denn organisierter Terror, staatlich subventionierter Hass kann nur sein, wenn Menschen ihm folgen, wenn sie ihn umsetzen. Unabhängig davon, ob unter vorgeschobenem Anpassungsdruck, ob aus blutiger Überzeugung, oder aber zur Beschleunigung ihre Karriere.

Veröffentlicht in der Zeitung 70 Jahre Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse