»Alles außer Marschmusik, Nationalhymnen und Muzak«

Unter sechs Augen: Ein Gespräch mit den Weltmusik-Pionieren die Dissidenten

Die New York Times nannte sie die »Paten des Ethno-Beats«, in Deutschland wissen meist nur wenige, dass die Dissidenten eine der einflussreichsten Bands der musikalischen Globalisierung sind. Wenn sie nicht gerade im nordafrikanischen Tanger überwintern, nehmen sie mit indischen Musikern auf, im deutschen Rolling Stone Magazin sind sie für die Belange von Weltmusik zuständig. Jetzt haben die Dissidenten Instinctive Traveller veröffentlicht, ihre erste Platte mit englischem Gesang.

Interview: Øle Schmidt

Discover: Auf eurer neuen Platte Instinctive Traveller singt die acht- zehnjährige Bajka. Wie war das, Uve, mit deiner Tochter ins Studio zu gehen?

Uve Müllrich: (lacht) Nun ja, der ganze Prozess war schon eher schwierig. Bajka wird langsam erwachsen und auf einmal tauchte der Eltern-Kind-Blues auf. Auch wenn sich das in Zukunft wieder geben wird. Mit einer anderen Sängerin wär’s wahrscheinlich leichter gewesen.

Marlon Klein: Mensch, mit Bajka das war klasse. Da ich das Album produziert habe, habe ich auch am meisten mit ihr gearbeitet. Uve als Vater war da nur am Rande beteiligt. Als Band lag uns am Herzen, dass der Gesang auf Englisch ist. Wir wollten uns nicht wieder auf einen geographischen Punkt fixieren, nicht wieder Nordafrika oder Indien. Nach den ganzen musikalischen Reisen in spezielle Regionen wollten wir eine kosmopolitische Platte machen.

Wieder einmal musikalisches Neuland, das die Dissidenten betreten.

Uve Müllrich: Sogar ideologisches Neuland, wenn du so willst. Wir haben es die ganzen Jahre abgelehnt, englisch zu singen, und es wäre wohl auch nicht passiert, wenn es jetzt nicht persönlich so nahe gelegen hätte. Bajka ist in Indien geboren und hat die ganzen Dissidenten-Touren mitgemacht. Mit ihr konnten wir unsere ersten englischsprachigen Stücke produzieren.

Was sagt ihr zu der Weisheit, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt – zumindest solange er lebt?

Marlon Klein: Es ist okay, weil wir nicht an einen Ort gebunden ist. Die Dissidenten können in Deutschland in Ruhe leben, woanders sind wir berühmt.

Uve Müllrich: Du kannst es auch anders formulieren: Wenn man musi- kalische Minderheiten einsammelt, ist es leichter, dies weltweit zu tun. Dann verkaust du zwar in keinem Land viele Platten, aber dafür an vielen Orten immerhin einige.

Es wurmt euch nicht, dass in eurem Mutterland kaum bekannt ist, dass die Dissidenten eine der einflussreichsten Weltmusik-Bands sind?

Marlon Klein: Ich denke, wir fühlen uns beide nicht mehr als Deutsche, eher als Europäer oder Kosmopoliten.

Uve Müllrich: Gut, die Sprache ist noch Heimat, aber die ganze Welt ist derart vernetzt, wir haben überall Freunde, das Internet wächst. Ehrlich gesagt, ist mir Deutschland oder Deutschsein ziemlich egal. Ich beobachte das seltsame Phänomen, dass sich viele geradezu masochistisch jede Garagenband reinziehen – Hauptsache der Sound kommt aus England. Wahrscheinlich ist das eine Art verspäteter Reparationszahlung für den Zweiten Weltkrieg (lacht).

Alle Welt spricht derzeit von Weltmusik, wobei die Qualität der so benannten Bands und Produktionen doch sehr unterschiedlich ist. Grund genug, euch von diesem Label abzugrenzen?

Marlon Klein: Nee, ich benutze den Begriff Worldmusic immer noch. Wir mussten nur in den letzten Jahren feststellen, dass er zumindest in Amerika sehr in den Bereich von Folk und Folklore geht. In Deutschland weniger, hier ist die Schublade akzeptiert, obwohl die anderswo meist schon Global Village heißt.

Uve Müllrich: Unser Begriff von Worldmusik ist der, dass sich Musiker aus verschiedenen Ecken im Global Village treffen, um gemeinsam etwas Neues machen. Es kann nicht darum gehen, eine Folkloretradition zu erweitern. Oft heißt Worldmusic aber, verstaubter Folklore einen wohlklingenden und Verkaufsfördernden Namen zu geben. Für Musiker, die an einem echten Austausch interessiert sind, wird dieses Label dann in der Tat zu einem Problem.

Gebt ihr selbst eurer Musik einen Stempel?

Uve Müllrich: Das ist Schwierig. Eigentlich sagen wir immer: alles ist möglich, außer Marschmusik, Nationalhymnen und Muzak.

In den siebziger Jahren habt ihr mit Ton Steine Scherben das erste deutsche Independentlabel Schneeball gegründet. Warum?

Marlon Klein: Für mich ist vor allem wichtig, dass meine Musik veröffentlicht wird, unabhängig von ihrem Charakter. Und das funktioniert nur, wenn du eine eigene Plattenfirma hast. Der Major Teldec etwa hat meine frühere Band 1. Futurologischer Congress gnadenlos fallengelassen, weil es bei denen finanziell mal nicht so gut lief. Die Verantwortlichen haben über Nacht Existenzen zerstört, obwohl einen Tag vorher noch alles in Ordnung war. Deshalb haben wir unser eigenes Label Exil Musik und können selbst entscheiden, was wir veröffentlichen.

Uve Müllrich: Was nicht heißt, dass wir Angebote anderer Plattenfirmen grundsätzlich ablehnen – wenn wir dabei keine Abhängigkeiten eingehen. Es kann sogar andersrum laufen: Mit dem Geld aus einem Majordeal haben wir unser Independentlabel Exil Musik gegründet.

Laut der New York Times sind die Dissidenten nichts weniger als die »Paten des Ethno-Beats«. Am Anfang eurer bemerkenswerten Karriere war Germanistan.

Marlon Klein: Ja, mit unserem Debütalbum Germanistan ging 1982 alles los. Das war unsere erste Zeit in Indien und fällt in die Trennungsphase von unserer damaligen Band Embryo.

Uve Müllrich: Musikalisch immer noch eines unserer anspruchvollsten Alben. Mit vielen für Europäer nicht tanzbaren Rhythmen, jazzig, intellektuell. Mit wirklich schrägen Beats, die wir später nie wieder so produziert haben, weil das sowieso niemand hört.

Nach Indien ging eure musikalische Reise dann in den Norden Afrikas, ein Wendepunkt für die Dissidenten?

Uve Müllrich: Ja, zwei Jahre später kam Sahara Elektrik und stellte sich als der internationale Türöffner für uns heraus. Mit vielen handgespielten Sounds, in der letzten Phase, bevor die Elektronik massiv Einzug in die Musikbranche gehalten hat.

Marlon Klein: Sahara Elektrik hat tatsächlich die nordafrikanische Musikszene revolutioniert, besonders die Rai-Bewegung. Wir haben zum ersten Mal nordafrikanische Musik mit einem Schlagzeug kombiniert. Das gab´s vorher nicht.

Auch die folgenden Abstecher nach Europa und in die USA waren alles andere als langweilig.

Uve Müllrich: In Madrid haben wir 1986 Life at The Pyramide aufgenommen. Technisch gesehen war das für uns die Befreiung vom Apparat des riesigen und teuren Studios. Unsere damalige Verbindung aus europäischer und nordafrikanischer Musik ist vor allem Live richtig eingeschlagen. Nach unserem Auftritt auf dem New Music Seminar in New York haben sich die Plattenfirmen buchstäblich um uns gerissen. Leider ist geplante Tour durch die USA abgesagt worden. Während des Irak-Krieges waren arabische Klänge in Amerika nicht sonderlich angesagt, dafür umso mehr Arabophobie.

Dann die Rückkehr nach Indien, The Jungle Book erscheint.

Marlon Klein: (lacht) Ein musikalischer Meilenstein, natürlich.

Uve Müllrich: Mit unserer Platte Jungle Book ging’s dann wieder zurück nach Indien, in unsere zweite Heimat. Da kommen wir ja eigentlich her. Nach unserer arabischen Phase ging es musikalisch auch zurück nach Germanistan. Der DJ Sven Väth hat Remixe der Songs gemacht, seine Reise ging in Richtung Techno und Trance. Lange bevor diese Musik Konsens wurde.

Vor kurzem ist Instinktive Traveller erschienen. Ein gereiftes Album, mit der gesammelten Weisheit seiner Vorgänger im Gepäck?

Wir hatten schon seit Jahren vor, mit dem gewonnenen Abstand und un- serem erweiterten Verständnis von Musik nach Europa zurückzukehren. Es stand an, den Blick auf uns und unsere Kultur zu richten. Auch weil wir weg wollten von diesem platten Weltmusikkonzept – eine Platte in Indien, eine Platte in Marokko.

Wo ist die Grenze zwischen dem Respekt für eine Kultur und dessen kommerzielle Nutzung?

Uve Müllrich: Das mit dem Respekt ist eine eigenartige Sache. So wie es für die Rechten nur die bösen, kriminellen Ausländer gibt, sehen die Linken in der Ferne immer das Gute. Diese Form von Respekt habe ich nicht mehr. Ich weiß, dass es eine Internationale der Arschlöcher gibt. Und dass es gleichzeitig möglich ist, in jedem Winkel der Erde auf freundliche und offene Menschen zu treffen.

Es ist also legitim, traditionelle Volksmusik aus ihrem Kontext zu nehmen, sie zu verändern und damit Geld zu verdienen?

Ja, natürlich, weil das in den Ursprungsländern dieser Musik auch geschieht. Was wir mit Sahara Elektrik gemacht haben, macht der renommierte Musiker Cheb Khaled mit algerischer Kultur. Als Europäer fühle mich nicht als jemand besonderes, wenn ich mich einer fremden Kultur nähere. So wie ich vor meiner eigenen Kultur keinen ehrfürchtigen Respekt habe, kann ich diesen auch nicht vor einer anderen entwickeln. Im Endeffekt besteht Musik weltweit aus Versatzstücken, die man auch wieder neu zusammensetzen kann.

Erschienen im Internet-Musikmagazin discover, 1997